Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Dez. 02 2015

Max Moor im Theater Erfurt

Augen auf beim Bunkerkauf

Bereits zum dritten Mal gastierte Max Moor bei der Herbstlese. Die ersten Bücher spielen in Brandenburg, aktuell geht es um mehr oder weniger schöne Erinnerungen an die Schweiz.
Bereits zum dritten Mal gastierte Max Moor bei der Herbstlese. Die ersten Bücher spielen in Brandenburg, aktuell geht es um mehr oder weniger schöne Erinnerungen an die Schweiz.

Am Ende passiert es doch. Dirk Löhr, der Vereinschef der Herbstlese, sagt bei der Verabschiedung zum Herrn Moor Dieter. Dabei heißt der doch jetzt Max. Und es ist ihm sehr ernst damit. Selbst beim Signieren der CD-Hüllen mit seinem Hörbuch schreibt er den neuen Vornamen über den alten. Dazu gibt es Kommentare wie: So sieht das doch viel besser aus. Seinem Publikum ist das herzlich egal. So wie Dieter Moor vor zwei Jahren im Erfurter Theater gefeiert wurde, so wird jetzt eben der Max an gleicher Stelle gefeiert.

Der Abend im Theater beginnt für den Moderator, Schauspieler und Schriftsteller (Sänger soll er auch sein) mit einer kleinen Überraschung. Rechts neben dem Bühneneingang trifft er auf einen alten Bekannten; ein weißes Kreuz auf rotem Grund. Das Schweizer Wappen hängt hier, weil Generalintendant Guy Montavon gleichzeitig auch Honorarkonsul seines Heimatlandes ist.

Das er mit Max Moor gemeinsam hat. Doch anders als der Theatermann will der vom Fernsehen in letzter Zeit eher weniger mit den Eidgenossen gemein haben. Doch dieser Genossenschaft ist nicht so leicht zu entkommen; faktisch, ist zu hören, geht das gar nicht. So kann sich Max Moor zwar über die neue, die deutsche Staatsbürgerschaft freuen, die ihn in seiner Wahlheimat Brandenburg zum vollwertigen Bürger mit allen (Wahl-)rechten macht, doch die Vergangenheit wird er nicht los.

So lässt sich sein jüngstes, das dritte Buch aus seiner Feder, durchaus als ein Stück Vergangenheitsbewältigung verstehen. Nach den Bestsellern aus der Berliner Randlage bietet es „Geschichten aus der neutralen Zone“, wie der Untertitel verheißt. Das Buch erzählt, wie es war, „Als Max noch Dietr“ war.

Das fehlende „e“ in Dieter ist programmatisch zu verstehen. Denn der ganze Abend ist in einem leicht geglätteten Schweizerdeutsch gehalten. Oder besser, in einem Deutsch mit Schweizer Anklängen, gut verständlich für die Leute im Saal. Kommt es doch einmal zu Einsprengseln wie dem „Sackmesser“, „Schtögelischuä“ oder gar einem „Schnudderlumpen“, die in den Ohren dieser gemäßigten Breiten doch recht fremd und exotisch klingen, ergibt sich die Bedeutung aus dem Kontext.

Zudem erklärt Max Moor zu Beginn die Untiefen seines angeboren Idioms; das faktische Fehlen des Genitivs zum Beispiel oder die Sitte, den Namen von Frauen, egal welchen Alters, also auch denen von Mädchen, ein „das“ voranzustellen. So heißt es dann halt „das Muätti“ oder „das Vreni“, was Maxens Schwester ist. Schon allein diese Einführung ist urkomisch. Und, obwohl sie so heiter-humoristisch daherkommt, alles andere als unpolitisch.

Damit ist der Ton des Abends vorgegeben. Vermeintlich sprachlich an der Tradition ausgerichtet, entfaltet der Dichter sein subversives Werk. Er hat sich dafür ein Kapitel aus dem Buch ausgesucht. „Dietr“, so ist es überschrieben, erzählt, wie er fast einen Bunker bekommt – und dann doch nicht. Das Kapitel spielt am Rhein, an dessen hohen Ufer Moor Senior einen Eigenheim errichten ließ. Einen Bungalow, um genau zu sein. Leider fehlt es der ansonsten schönen Immobilie an einem geeigneten Schutzraum.

Um zu verstehen, warum das einem Schweizer Familienvater damals so wichtig war, bedarf es der zeitlichen Einordnung. Der Autor erwähnt en passant die Kubakrise; wir sind also im Herbst 1962. Dieter, denn so wurde der Bub in diesen Tagen ja noch gerufen, ist noch keine fünf Jahre alt. Er hat auch noch keine Märklin-Eisenbahn. Er braucht auch noch nicht zur Schule.

Doch der Vater, Versicherungsvertreter von Beruf, macht sich ständig „Vorsorgen“, vor allem um seine Familie. So werden die geneigten Zuhörer Zeugen des Besuchs einer Baumesse, auf der der Vatti einen Bunker erstehen, zumindest aber sich anschauen möchte. Dieser Besuch gerät, man ahnt es, zur familiären Katastrophe. Er dient dem Autor als Matrix, in der er all die absonderlichen Dinge packt, die einem Schweizer und seiner Familie vor einigen Jahrzehnten noch an einem ganz normalen Sonntag widerfahren konnten.

Doch Max Moor hat nicht nur aufgeschrieben, was alles zwischen ein paar Stangen Bier und dem Besuch eines Wezeh auf einer Baufachmesse passieren kann, er zitiert genüsslich aus dem offiziellen eidgenössischen Zivilverteidigungsbüchlein. Um es kurz zu machen: Das voll Wichtigkeit geladene Buch gerät zur Realsatire.

Für das Publikum ist das ein Mordsgaudi (oder ist das ein Wort der alpenländischen Nachbarn?). Weil Max Moor nicht einfach nur vorliest, sondern den Vortrag zelebriert, er in seiner Rolle als kleiner Dieter aufgeht. So steht er etwa am Pissoir und schaut mit kullerrunden Kinderaugen zu seinem Vatti auf, der gerade erklärt, warum er in Anwesenheit fremder Männer sein „Schnäbeli“ abdecken müsse.

Neunzig Minuten Programm, unterbrochen von einer Pause, verspricht Max Moor zu Beginn. Er überzieht beträchtlich. Sein Publikum ficht das nicht an, für viele geht der Abend immer noch zu schnell vorbei. Aber da sind ja noch das Buch und die CDs, die der Herr Schriftsteller geduldig mit seinem Namen verziert.

Ganz oft muss er dabei die Lieblingsworte des jungen Dieter aufschreiben: maximal und enorm.

Max Moor im Theater Erfurt

Fotos: Holger John, Uwe-Jens Igel

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