Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Dez. 03 2015

Heiner Geißler fragt zur Erfurter Herbstlese: „Was müsste Luther heute sagen?“

Großmutter Theresia und der Geist des Reformators

Heiner Geißler bestreitet seine "Lesung" fast vollständig in freier Rede.
Heiner Geißler bestreitet seine "Lesung" fast vollständig in freier Rede.

Von Sigurd Schwager

Der Zufall ist manchmal ein kluger Regisseur. Dank seiner Hilfe kann das Erfurter Herbstlese-Publikum binnen Wochenfrist zwei politischen Langzeit-Prominenten beim Denken zuschauen und zuhören, deren Biografien sich kreuzen und zum Teil ähneln: Kurt Biedenkopf und Heiner Geißler.

Bei Ankunft Wort! Der eine präsentiert am Mittwoch vor dem ersten Advent seine Tagebücher im Collegium Maius. Der andere stellt am Mittwoch vor dem zweiten Advent seine Buch gewordene Beschäftigung mit Martin Luther im Atrium der Stadtwerke vor. Ein volles Haus garantieren beide allemal.

Biedenkopf und Geißler. Bei aller Verschiedenheit finden sich viele Gemeinsamkeiten. Beide sind Jahrgang 1930, und beide haben sie – wie man jetzt in Erfurt erleben darf – mit 85 Jahren nichts von ihrer geistigen Schärfe verloren. Für beider Beschreibung trifft zu: Katholik, Dr. jur., politisch Hochbegabter mit steiler christdemokratischer Parteikarriere sowie als Vor-, Schnell- und Querdenker mit Achtung und Argwohn bedacht. Zwei konservative Parteiintellektuelle hat sie der Deutschlandfunk einmal treffend genannt. Diese zwei Männer also gelangen nacheinander in das Amt des Generalsekretärs der CDU der alten Bundesrepublik – und scheitern am Ende an ihrem einstigen Förderer, dem Machtmenschen Helmut Kohl.

Biedenkopf und Geißler, auch das ist in Erfurt zu beobachten, geben sich nicht jünger als sie sind. Aber sobald sie den Jungbrunnen Bühne betreten und ihre vertrauten Stimmen erklingen, die man seit Jahrzehnten aus dem Radio und dem Fernseher kennt, wird das Alter Nebensache. Man hört ihnen zu, weil sie etwas zu sagen haben. Und ertappt sich in Betrachtung der aktuellen Politikerszenerie bei der Frage: Wo bitte sind die heutigen jungen Biedenkopfs und Geißlers?

Heiner Geißlers jüngstes Buch, das ihn nach Erfurt geführt hat, heißt: „Was müsste Luther heute sagen?“. Das Werk hat inzwischen manch wohlwollende Kritik erfahren, aber nicht nur. Der Rezensent der „Süddeutschen Zeitung“ meint etwa: „Es wirkt wie ein zum Buch geronnener

Talkshow-Monolog: eilig angelesenes Instantwissen, vermischt mit wohlvertrauter Meinungskundgabe.“ Heiner Geißler, der selbst ziemlich gut auszuteilen versteht, wird solch pointierten Verriss sicherlich gut zu verkraften wissen.

Ein Katholik und Jesuitenschüler nähert sich schreibend Luther. Das ist im Fall von Heiner Geißler das Gegenteil von erstaunlich. Vor zwölf Jahren hat er in einem „Zeit“-Gespräch etwas gesagt, das seither immer wieder gern zitiert wird. Auf die Frage, warum er eigentlich noch Katholik sei, antwortet Geißler im Dezember 2003: „Jeder intelligente Katholik ist im Innern irgendwie auch Protestant.“ An anderer Stelle geht er weit hinein in seine politische Vergangenheit: Man habe damals auch die Lutherische Rechtfertigungslehre mit ins CDU-Grundsatzprogramm gepackt. Die Würde des Menschen ist unabhängig vom Urteil anderer Menschen, weil sie in Gott verankert ist.

Auf diesen Gedanken kommt Heiner Geißler auch in seiner Erfurter Lesung zurück, die keine ist, denn er gestaltet sie als Vortrag in einer Art freier Buch-Rede, wenn man so will als Predigt.

Er hält sich dabei an die Chronologie des Buches und erzählt zu Beginn von seinen allerersten Berührungen mit dem deutschen Protestantismus. Als kleiner Bub habe er mit seiner Großmutter Theresia die katholische Messe in der Kirche St. Michael in Oberndorf am Neckar besucht. Einmal die Woche musste er dem ehrfurchtgebietenden Stadtpfarrer Gruber ein Kuvert seiner Großmutter überreichen. Wie sich später zeigte, befand sich darin ein 20-Reichsmarkschein. Ablass für jeweils 100 Tage weniger im Fegefeuer. Und der kleine Heiner hört Großmutters Satz: „Wenn es nur diesen Luther nicht gegeben hätte.

Später seufzt dann noch der Pfarrer: „Wenn es diesen Luther nicht gegeben hätte, bräuchte man nur eine Kirche.“

Heiner Geißlers Buch aus dem Jahr 2015 sagt uns, daran erinnernd: Welches Glück, dass es diesen Luther gegeben hat!

In Erfurt, wo Luther studierte, wo ihn nahe der Stadt der Blitz traf, wo er zum Priester geweiht wurde, spannt der Autor den weiten Bogen über ein halbes Jahrtausend bis in die Gegenwart, vom Bruder Martin bis zum Papst Franziskus, vom  Ablasshandel bis zur fortwährenden Verfilzung von Geld, Macht und Religion. Auch die Flüchtlingsfrage und den Umgang mit ihr spricht er an. Etwas Gutes zu tun, das sei die entscheidende Botschaft unserer Zeit.

Und bei allem Ernst hat er auch schon mal die Lacher auf seiner Seite, als er den Wahlerfolg des vormaligen CSU-Chefs Edmund Stoiber erklärt: Der sei katholisch, sehe aber evangelisch aus.

Luther, so das Fazit von Heiner Geißler, war ein ganz Großer – im Guten, aber eben auch im Schlechten, seine Theologie eine radikale Emanzipation von der Kirche als Gnadenvermittlerin.

Luthers Botschaft müsste heute lauten: „Die Spaltung von damals ist inzwischen nicht nur überflüssig, sondern auch verantwortungslos.“

Zwei Milliarden Christen, fast ein Drittel der Menschheit, warteten darauf, dass ihre Kirchen sich endlich einigen, dass sie das Konzept einer humanen und besseren Weltordnung entwerfen und mit Hilfe der Politik auch durchsetzen.

Und dann, ganz am Ende, trägt Heiner Geißler doch noch einige Zeilen aus seinem Buch wortwörtlich vor, die von Luthers Tod und Luthers Grab handeln.

„Luthers Geist aber“, liest der Autor, „ist auch 500 Jahre später auf der ganzen Welt gegenwärtig.“

Mit langem Beifall dankt das Herbstlese-Publikum für einen nachdenklichen Abend, der ganz gewiss nicht nach Instantwissen geschmeckt hat.

Heiner Geißler im Atrium der Stadtwerke

Fotos: Holger John, Uwe-Jens Igel

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