Erfurter Herbstlese

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Okt. 06 2015

„Jazz Lyrik Prosa“ im Gewerkschaftshaus – ein Tucholsky-Abend

Berliner Schnauze

Die Schauspielerinnen Walfriede Schmitt und Nicole Haase sowie den Pianist Ulrich Gumpert kurz vor ihrem Auftritt im Erfurter Gewerkschaftshaus.
Die Schauspielerinnen Walfriede Schmitt und Nicole Haase sowie den Pianist Ulrich Gumpert kurz vor ihrem Auftritt im Erfurter Gewerkschaftshaus.

Die einzige Konstante ist ihre Variabilität: Sei Jahren sorgen Musiker, Dichter und Schauspieler gemeinsam mit ihren Kolleginnen für den Fortbestand der Kult-Kultur-Reihe „Jazz Lyrik Prosa“. Nach dem Baukastensystem werden Größen der offiziellen DDR-Szene zu anspruchsvollen Programmen zusammengestellt. In dieser Saison versammelt das JLP-Label für die Herbstlese die Schauspielerinnen Walfriede Schmitt und Nicole Haase sowie den Pianisten Ulrich Gumpert auf der Bühne des Erfurter Gewerkschaftshauses. Das Trio kredenzt dem ausverkauften Saal einen Tucholsky-Abend.

Bereits in den Ankündigungen des Programms hatten die Veranstalter auf die ungebrochene Aktualität der Texte aus den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts hingewiesen. Und wirklich, Tucholsky Texte, von Nicole Haase für den Abend eingerichtet, treffen auch nach fast 100 Jahren den Nerv des Publikums. Die Angst vor der Veränderung, die bangen Fragen danach, was da kommen möge, was bleiben darf und was unwiderruflich verloren gehen wird stellen sich wieder. Oder besser: Immer noch.

Es sind politische Texte, die da vorgetragen werden, die sich oft hinter der Harmlosigkeit des Alltags verstecken. Sie provozieren Lacher, die manchmal gar nicht so lustig sind. Manchmal sind sie von einer Unbekümmertheit, die ihre Alter verrät.

„Ein Türke schüttelt am Fenster seinen Teppich aus. Ein Berliner kieckt hoch und ruft: Na Ali, springt wohl nicht an?“

Walfriede Schmitt erzählt den Witz brachial, mit Berliner Schnauze, wie es so oft maßlos beschönigend heißt. Für die leiseren Töne ist Nicole Haase da. Begleitet werden sie, sehr sparsam, vom Pianisten. Zu selten vielleicht greift Ulrich Gumpert in die Tasten; der Dreiklang aus Lyrik und Prosa und Jazz lässt an diesem Abend musikalische Präsenz vermissen.

Ganz anders noch vor einem Jahr, als jüdische Musik und jüdischer Witz um die Wette eiferten. Da standen noch einige Mann mehr auf der Bühne, da wurde gefiedelt und gejuchzt was das Zeug hielt.

In diesem Jahr geht es deutlich gesitteter zu. Ein wenig mag der Funke deshalb nicht überspringen, von der Bühne hinunter ins treue Publikum, das zum großen Teil mit den Protagonisten da oben in die Jahre gekommen ist. Für dieses Auditorium ist auch die Pause zu lang geraten. Der Abend zieht sich, am Ende dauert er gut 150 Minuten.

Und dennoch ist es ein schöner, ein intensiver Abend. Es gehört wenig prophetische Gabe dazu, auch im kommenden, dem 20. Jahr der Erfurter Herbslese, einen Abend „Jazz Lyrik Prosa“ im Programm vorherzusehen. 

Jazz Lyrik Prosa 2015

Fotos: Uwe-Jens Igel

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