Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Okt. 05 2015

Gespräch mit Marie Wolf über Erfurt, Berlin, Tokyo und „Die Wahrheit“

„Manchmal fehlt es mir, den Horizont zu sehen“

Marie Wolf kann sich in der Kombination von Text und Bild am besten ausdrücken. Foto: Alexander Köpke
Marie Wolf kann sich in der Kombination von Text und Bild am besten ausdrücken. Foto: Alexander Köpke

Marie Wolf, 24, in Erfurt geboren und aufgewachsen, lebt mit Freund, Hund und der Monstera Deliciosa „Bob“ zusammen in einem Altbau in Berlin-Friedrichshain. Das Zeichnen hat sie bei ihrem Opa und im Kunstunterricht am Erfurter Ratsgymnasium gelernt. „Die Wahrheit“, die sie am Donnerstag, den 8. Oktober bei der Herbstlese vorstellen wird, ist ihr Debüt und ihre Abschlussarbeit an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW). Das Buch ist im September bei der Edition Büchergilde erschienen.

 

Gerade ist „Die Wahrheit“ erschienen. Was ist das für ein Gefühl, das erste eigene Buch in den Händen zu halten?

Es ist aufregend! Um ehrlich zu sein, kommt es mir immer noch unwirklich vor. Ich bin unheimlich dankbar für diese Chance und froh darüber, mit der Büchergilde zusammenarbeiten zu können. Der erste Moment, in dem ich das Buch in den Händen gehalten habe, war unbeschreiblich.

Wie lange hält so ein Hochgefühl an?

Ich bekomme öfters Fotos von Freunden und Familie, wenn sie „Die Wahrheit“ in freier Wildbahn, sozusagen, erspäht haben. Dann weiß ich, dass sich all die Arbeit, die schlaflosen Nächte, die Diskussionen und Grübeleien gelohnt haben.

Wer hat denn die ersten Exemplare bekommen?

Selbstverständlich meine Eltern, schließlich wäre ich ohne sie nicht hier, nicht nur in physischer Form. Danach kam gleich meine Oma dran.

Sie haben ein sehr herzliches Verhältnis zu ihrer Familie, ihr Opa hat Ihnen das Malen beigebracht. Für ihr Studium mussten Sie ihre Heimatstadt verlassen . . .

. . . es klingt vielleicht seltsam, aber mich hat es schon immer nach Berlin gezogen. Ich war mit 11 das erste Mal in der Stadt und gleich verzaubert. Das ist über die Jahre immer intensiver geworden. Es gab keine Alternative, es musste Berlin sein. Berlin gibt mir das Gefühl, dass es keine Limits gibt, keine Beschränkungen, keine Tabus. „Unkonventionell“ trifft es wohl am ehesten.

Die Städte sind sicher nicht zu vergleichen. Dennoch, was hat Berlin, was Erfurt nicht hat?

Ich liebe es, zur Rushhour durch den vollkommen überfüllten U-Bahnhof am Alex zu laufen oder über die Warschauer Brücke, mich in der Menschenmenge zu verlieren und ein Stück mitzuschwimmen, in der Masse unterzugehen. Dieses Gefühl hatte ich bisher bei keiner anderen Stadt. Allerdings ist Berlin auch ein Ort, an dem man verloren gehen kann, eine Stadt in der man „mal Kaffee trinken geht“ und über Pläne und Visionen philosophiert, ohne konkret zu werden.

Und umgekehrt?

In Erfurt kann ich zur Ruhe kommen, außerdem braucht man keine Stunde mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, bis man in der Natur ist. Manchmal fehlt es mir, den Horizont zu sehen.

Der Studienort war also gesetzt, und das Fach?

Ich habe an der HTW Kommunikationsdesign studiert, aber nicht unbedingt mit dem Ziel, Illustratorin zu werden. Nach wie vor sehe ich mich auch weniger als Künstlerin, sondern mehr als Designerin: ich verfolge in meinen Arbeiten eine klare Intention und suche einen Weg, eine Aussage visuell zu übersetzen. Ich bin eine visuelle Dolmetscherin, sozusagen.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte?

Naja, manchmal kommt man über Wörter einfach nicht weiter, man verheddert sich in Floskeln und kommt nicht auf den Punkt. Vielleicht sind Illustrationen eine Möglichkeit, da anzusetzen. Viele assoziieren damit sofort Kinderbücher, aber ich denke, dass Illustrationen ebenso Erwachsene berühren, bewegen oder zum Nachdenken bringen können. Die Fähigkeit zur Rezeption von Bildern geht uns mit dem Älterwerden ja nicht verloren, im Gegenteil.

Wird Ihr Debüt diesen eigenen hohen Ansprüchen gerecht?

Keine leichte Frage. „Die Wahrheit“ ist ja gleichzeitig auch meine Abschlussarbeit. Das klingt zwar unheimlich idealistisch, aber ich wollte etwas schaffen, das einen Mehrwert hat, das zum Nachdenken anregt. Als ich angefangen habe, über das Projekt nachzudenken, war die NSA-Affäre gerade sehr präsent. Ich war überrascht, wie sehr die Meinungen dazu auseinander gingen und bin irgendwann bei der Frage gelandet, was denn eigentlich Wahrheit, speziell im Medienkontext, bedeutet.

Die eine Wahrheit, die die Bilder sprechen, und die andere der Texte?

Über die visuelle Sprache kann ich mich besser ausdrücken, dennoch funktionieren in meinem Buch weder die Bilder, noch die Texte allein, sondern nur in ihrer Verbindung.

Wie lassen Sie sich inspirieren? Oder anders ausgedrückt, wer sind Ihre Vorbilder?

Ohne ein Glas Nuss-Nougat-Creme auf meinem Schreibtisch geht gar nichts. Aber im Ernst, mich faszinieren Menschen, die Visionen haben, die Ihr eigenes Ding machen, die etwas mitteilen wollen. Menschen, die unkonventionelle Wege gehen, etwas wagen. Ich habe vor Kurzem eine Dokumentation über den Modedesigner Alexander McQueen gesehen und war unheimlich beeindruckt. Er hat es geschafft, seine Botschaften und auch seine Kritik unglaublich differenziert durch Mode zu äußern. Ich habe das Gefühl, dass unsere Zeit geprägt ist von einem unheimlichen Drang, sich selbst darzustellen, da finde ich es inspirierend, wenn jemand nicht sich, sondern mehr seine Intentionen in den Vordergrund stellt.

Keine leichte Sache . . .

 . . . ja, das das kann man nicht immer voneinander trennen.

Noch einmal zurück zur Illustratorin. Wie sieht es auf ihrem Schreibtisch aus?

Ehrlich? Ich bin nicht besonders ordentlich, aber bevor ich mit etwas Neuem beginne, muss ich meinen Arbeitsplatz aufräumen und saubermachen, mit Staubwischen und allem Drum und Dran. Vielleicht hilft mir das, meine Gedanken zu sortieren?

Und was findet sich – außer dem Nutella – noch darauf?

Eine kleine Armee japanischer Actionfiguren wie ein Fundus an diversen Bleistiften, Filzern und Papieren in allen erdenklichen Formen. Ich zeichne gerne auf alte, vergilbte Papiere, die ich von meiner Omi bekomme. Diese Papiere sind mitunter schon älter als ich, haben viel erlebt, erzählen ihre eigenen Geschichten. Einen Teil davon nehme ich gerne in meine Illustrationen auf.

Das alte Papier erzählt seine eigene Geschichte?

Auch wenn man nicht sieht, was sie im Detail erlebt haben, so haben sie ja doch einen ganz eigenen Charakter. Die alten Bögen sind nicht mehr perfekt weiß und ganz individuell. Ich collagiere die Einzelteile meist digital, weil ich dadurch mehr Spielraum bei der Komposition habe.

Das klingt nicht unkompliziert. Kann eigentlich jeder Mensch malen?

Ich denke schon. Das ist ein Handwerk, das man lernen kann, kein Ding der Unmöglichkeit. Aber wie definiert man überhaupt „malen können“? Gerade gibt es ja die Tendenz, dass nicht jeder Strich sitzen, jede Proportion stimmen muss, solange das Endergebnis einigermaßen stimmig ist.

Alles ist möglich . . .

. . . beinahe alles. Viel wichtiger ist doch, dass man etwas zum Ausdruck bringen möchte, das Technische ergibt sich dann schon irgendwie.

Wie sehen Sie sich selbst?


Noch eine schwierige Frage. Ich mag es, Dinge zu zerdenken, um die Puzzleteile dann wieder zusammen zu setzen. Dabei entstehen neue Perspektiven, neue Zusammenhänge. Aber manchmal nervt mich genau das, dieses Rationale und Verkopfte, weil man den Blick für das Wesentliche verliert. Ich versuche gerade, mehr nach Bauchgefühl zu leben und zu handeln, aber es ist unheimlich schwer, seine gewohnten Muster zu durchbrechen.

Da kann manchmal auch ein Buch helfen. Haben sie Lieblingsbücher?

Mein Lieblingsbuch ist seit einigen Jahren „Ruhm“ von Daniel Kehlmann, ein wunderbares und auch trauriges Werk darüber, wie wir uns in der Kommunikation des 21. Jahrhunderts verheddern und eben auch verlieren. Sehr gerne mag ich auch „Der Fremde“ von Albert Camus und „Die Korrekturen“ von Jonathan Franzen.

„Die Wahrheit“ ist fertig, was kommt jetzt?

Ich illustriere unter anderem für Magazine, am liebsten im politischen oder wirtschaftlichen Kontext. Gerade habe ich auch für eine große Modemarke gezeichnet, was auch interessant war. Nach der Wahrheit widme ich mich als nächstes einem Werk von Hermann Hesse, der „Kinderseele“, die ich auch für die Büchergilde illustrieren werde. Hermann Hesse beschreibt darin das Verhältnis zu seinem Vater, aber vielleicht auch viel mehr als das. Ich will nicht zu viel verraten! Lassen Sie sich überraschen.

Und Erfurt? Kommen Sie eines Tages zurück?

Ich komme öfters mal nach Erfurt zurück, um meine Familie zu besuchen! Nein, im Ernst, das weiß ich jetzt noch nicht. Wer weiß? Erfurt ist eine schöne Stadt und ich kann nicht ausschließen, dass es mich irgendwann hierher zurück verschlägt. Vorher möchte ich aber noch ein bisschen was von der Welt sehen. Ich war letztes Jahr in Tokyo und muss gestehen, dass es mich gerade sehr reizen würde, dort mal für eine Zeit zu leben.

 

 

Marie Wolf erzählt in „Die Wahrheit“ dieselbe Geschichte in einem Buch, das eigentlich aus zwei Büchern besteht. Dieselbe Geschichte, aber mit anderen Bildern. Die Illustrationen im linken Teil des Buches zeigen den kleinen Edward, der gegen den bösen Sheriff kämpft. Die Bilder im rechten Teil zeigen eine andere Wahrheit: Aus dem netten Knaben ist ein fieser Rowdy geworden. Aber wie kann das sein? Schließlich ist die Geschichte in beiden Teilen Wort für Wort gleich. Der duale Charakter des Buches setzt sich in einer ungewöhnlichen Lesung fort: Die Autorin spielt mit unseren Seh- und Lesegewohnheiten und schafft so ein Erlebnis, das weder allein mit Worten noch mit Bildern funktioniert, sondern nur in ihrer magischen Verknüpfung.

Lesung am 8. Oktober, 20.00 Uhr, Haus Dacheröden, Eintritt 7,90 Euro (5,90 Euro erm.)

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