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Erfurter Herbstlese
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Okt. 28 2023

„Gemälde eines Mordes“ mit dem fabelhaften Erzähler Heinrich Steinfest

Der Rausch des Schreibens

Heinrich Steinfest ist eine gern gesehener Gast im Kultur: Haus Dacheröden. (Foto: Holger John)
Heinrich Steinfest ist eine gern gesehener Gast im Kultur: Haus Dacheröden. (Foto: Holger John)

Von Sigurd Schwager

Am letzten Oktoberdonnerstag lockt der 27. Jahrgang der Erfurter Herbstlese mit einem kriminell guten Erzähler. Heinrich Steinfest stellt seinen neuen Cheng-Roman „Gemälde eines Mordes“ vor.

Schon vier Abende vor diesem Ortstermin im Hause Dacheröden darf man sich auf die zu erwartende delikate Bildbetrachtung eingestimmt fühlen. Dafür sorgt im Sonntagsfernsehen der kriminell gute Schauspieler Ulrich Tukur als Kriminalhauptkommissar Murot, den sein zwölfter Einsatz in ein mörderisches Paradies treibt.

Für den Herbstlese-Berichterstatter sind die zwei Figuren, der hessische „Tatort“-Exot Felix Murot und der einarmige Wiener Detektiv Markus Cheng, durchaus Seelenverwandte. Während sie auf den Flügeln der Phantasie grenzenlos reisen, lauert in beider Köpfe das Ding, ein Tumor, allzeit bereit für den finalen Absturz. Murots aktueller Auftritt kommt wieder bestens an in der TV-Kritik-Gilde. Der eine wähnt sich künstlerisch im Fernsehparadies und reicht am Ende 10 von 10 Punkten aus, die andere bewundert das Prinzip des Üppigen, welches sie an eine Schachtel erinnere, randvoll beladen mit köstlichen Kuchenstücken.

Solch Murot‘scher Überschwang widerfährt in schöner Regelmäßigkeit auch den Steinfest-Büchern, wobei hier Denis Scheck gern den Elogen-Frontmann gibt, der keinen Superlativ scheut. Das erwartungsfrohe Erfurter Publikum ist, man spürt es nicht nur am begrüßenden Beifall, Teil der Fangemeinde. Es hat sich allerdings etwas gedulden müssen. Fast auf den Tag genau vier Jahre sind vergangen, seit der letzten Herbstlese-Begegnung mit Heinrich Steinfest hier im Saal am alten Angerbrunnen. Damals im Fokus: Chengs fünfter Fall.

Die Erinnerung daran scheint dem Autor präsent. Man befinde sich gewissermaßen im Fußball-WM-Rhythmus, lächelt er, um sich sogleich wohlwollend den häuslichen Umständen des Abends zu widmen: „Hier ist es trocken!“ Er sei nämlich nach Erfurt mit einem ICE gereist, in den es reingeregnet habe, obwohl sich doch die Fenster gar nicht öffnen ließen. Der fabulierfreudige Vielfahrer wirkt immer noch leicht irritiert, welche surrealen Geschichten die Deutsche Bahn immer wieder zu schreiben vermag. Dann wechselt er flüssig das Thema, zitiert vom großen irischen Dramatiker Brendan Behan dessen Selbsteinschätzung als „drinker with a writing problem“.

Schreiben, erzählt Behan-Bewunderer Steinfest, sei für ihn ein rauschhaftes Bedürfnis, was natürlich nichts über die Qualität des Geschriebenen aussage. „Aber“, fährt er fort, „mein Wahnsinn benötigt keine äußere Stimulanz.“ Das bisherige rauschhafte Ergebnis ist im Netz dokumentiert: sieben Cheng-Romane, 14 weitere Werke aus dem Kriminal-Milieu, zehn andere Bücher – das Ganze mit vielen Preisen und permanentem Lob dekoriert.

Und der nächste Roman kommt gewiss. Der Autor kündigt ihn in Erfurt für 2024 an, verrät allerdings nur, wessen Wort ihm vorangestellt werde: eines von Brendan Behan.
Ausführlich Zeit nimmt sich der Gast hingegen im Hause Dacheröden für die Cheng-Genese. Ursprünglich, berichtet er, sei nur ein Buch geplant gewesen, jedoch habe sein Hang zur Trilogie noch zwei weitere folgen lassen. Dass der dritte Band der letzte sein sollte, davon zeuge der darin enthaltene Tod von Chengs Hund Lauscher. Nummer vier könne man als Appendix deuten, als Gebrauchsanleitung für die Teile eins bis drei. Im fünften Werk, 2019 wie bereits gesagt auch in Erfurt präsentiert, tauche Lauschers Geist auf und werde vor allem Chengs Sekretärin wichtig, von der es in „Der schlaflose Cheng“ heißt: „Frau Wolf war eine mittelgroße, etwas mollige Parson mit slawischen Wurzeln, deren Mimik gekonnt zwischen Strenge und Freundlichkeit wechselte. Es bot sich an, ihr nicht dumm zu kommen, sondern gescheit. Man könnte auch sagen, sie besaß alle Eigenschaften einer Erzieherin. Selbst wenn sie jemandem aus dem Mantel half, erzog sie ihn.“

Im sechsten Roman schließlich wechseln die Ro llen, wird aus dem einarmigen Detektiv Markus Cheng ein einarmiger Sekretär der bisherigen Sekretärin Frau Wolf, die nunmehr die Detektei leitet. Dabei bleibt es auch im siebten Fall „Gemälde eines Mordes“, wo der Untertitel wieder lautet: „Frau Wolf und Cheng ermitteln“.

Der in Wien aufgewachsene und heute bei Heidelberg lebende Österreicher Heinrich Steinfest hat diesmal die Geschichte in sein Geburtsland Australien verlegt. Dort verschwindet ein bekannter Wombat-Forscher. Seine Frau bittet daraufhin Wolf und Cheng, ihren Mann aufzuspüren. Viel mehr wird vom Autor nicht verraten, was bei einem Kriminalroman natürlich Sinn ergibt. Also liest er den Anfang vor: „Es war merkwürdig, dass Cheng jetzt, da er fast sechzig war, immer öfter für einen Japaner gehalten wurde und nicht für einen Chinesen...“

Nach wenigen Sekunden hat man den Steinfest-Sound im Ohr, die Sprache, die Fantasie, das Irr- und Aberwitzige. Eine glorreiche Sieben-Reihe. Man kann dem SWR-Lob nur zustimmen: „Fantastisch realistische Literatur. Fein formuliert mit einem wachen Blick auf die Seltsamkeiten der Gegenwart.“

Programmchefin Monika Rettig dankt dem Gast in Erfurt für ein großes Vergnügen mit Tiefgang. Viel Beifall zum Abschied.

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