Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
April 24 2015

Der Schriftsteller Landolf Scherzer und der Politiker Bodo Ramelow – ein Werkstattgespräch bei KNV Logistik

Der Rote und der Frühling

Schriftsteller, Moderator, Politiker - die Herren Scherzer, Bernhard und Ramelow im Gespräch.
Schriftsteller, Moderator, Politiker - die Herren Scherzer, Bernhard und Ramelow im Gespräch.

            Von Sigurd Schwager
 

Ostern ist vorbei und die Erfurter Frühlingslese, dieser frische, bunte Ableger der Herbstlese, lädt ein zum Betrachten von ungelegten Eiern. Prosaischer gesagt: zu einem Werkstattgespräch über ein Buch, das es noch nicht gibt, das sich im Werden befindet. Ort des Geschehens: KNV Logistik, Deutschlands größtes Literaturregal mit 500 000 Büchern und anderen medialen Artikeln.

 Im August solle und müsse sein Manuskript fertig sein, sagt der Schriftsteller Landolf Scherzer an diesem Abend in der ausverkauften KNV-Kantine und schaut dabei, auf die eigene Faulheit verweisend, ein wenig skeptisch drein. Der Aufbau Verlag jedenfalls möchte das Buch im Oktober auf der Frankfurter Messe präsentieren. Es wird „Der Rote“ heißen und den Untertitel „Macht und Ohnmacht des Regierens“ tragen.

Fertig ist schon das Cover. Es zeigt den Titelhelden, den „Roten“, den Linke-Politiker Bodo Ramelow. Er steht seit Dezember 2014 an der Spitze von Thüringens rot-rot-grüner Regierung und ist damit der erste linke Ministerpräsident in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Einsam muss er sich aber auf dem Cover nicht fühlen, denn an Bodo Ramelows Seite sehen wir seinen Hund, den Jack-Russel-Terrier Attila.

Das von Henry Bernhard, Thüringen-Korrespondent des Deutschlandfunks, souverän moderierte Werkstattgespräch Scherzer-Ramelow gestaltet sich zur Freude des Publikums entspannt und lebhaft heiter, spart aber Ernstes und auch Toternstes nicht aus.

Obwohl Landolf Scherzer dieser Art von literarischer Politreportage vor Jahren öffentlich abgeschworen hat, wundert sich niemand im Raum und keiner seiner vielen Fans im Lande, dass er doch nicht aufhören kann.

Wer seine Bücher kennt, ist dankbar dafür. In „Der Erste“ (1988) hat er den 1. Sekretär der SED-Kreisleitung Bad Salzungen, der kein Hardliner war, begleitet. In „Der Zweite“ schreibt er nach der Wende über den Landrat von Bad Salzungen (1997), und im Reportage-Band „Der Letzte“ (2000) gilt sein Interesse dem Politikbetrieb, dem Innenleben des Thüringer Landtages.

Nun also „Der Rote“, über den sich schon manches Erhellendes in „Der Letzte“ nachlesen lässt. Ramelow kennt natürlich auch die vorherigen Scherzer-Bücher und vor allem die darin handelnden Personen. Den „Ersten“ als eigenen Wahlkampfmanager, den „Zweiten“ als streitbaren Widerpart und Prozessgegner, wobei man heute, so Ramelow, friedfertig  miteinander umgehe.

Landolf Scherzer liest in Erfurt aus dem unfertigen Manuskript einige Zeilen vor. Zum Beispiel diese:

Am 5. Dezember 2014 klingelt um 10.52 Uhr mein Handy und ein Bekannter sagt euphorisch: Vor zwei Minuten ist Bodo Ramelow Ministerpräsident geworden! Im Radio höre ich, dass die Reporterin einen „außergewöhnlichen Moment in der deutschen Geschichte“ verkündet. Ob es sich um einen guten oder einen schlechten Moment handelt, sagt sie nicht, und ich gehe ins Dorf, um Geld abzuheben. Der Direktorin der Bank, die mich immer mit traurigen Augen über die gesunkenen Zinsen informiert, sage ich lachend: „Vielleicht verstaatlichen die Roten, um die kleinen Sparer zu beruhigen, im nächsten Jahr die Thüringer Banken!“

Sie versteht mich nicht, und ich erkläre ihr, dass vor genau 18 Minuten der linke Ramelow . . . Sie grient: „Kein Problem, unsere Bank ist schon verstaatlicht. Wir sind genossenschaftlich . . .“ Dann fragt sie: „Ramelow kommt doch aus dem Westen?“ Ich nicke. Sie: „Na, da wird`s nicht schlimm. Da weiß er, wo der Hase langlaufen muss."

Wie Landolf Scherzer aus seinen Papieren in der Kladde liest, wie er ellenlange Zettel mit Notizen („Das ist mein Computer“) ausrollt, glaubt man ihm gern, dass er sich für  einen Medien-Dinosaurier hält. Er schreibe, sagt er, noch mit der Hand, habe weder ein Smartphone noch Internet noch Fernseher. Er wolle die Dinge sehen, schmecken und riechen.

Andererseits ist es dem Berichterstatter von diesem Frühlings-Leseabend durchaus nicht schwergefallen, die zitierte Textstelle vom 5. Dezember 2014 zu finden – im Netz.

Ein schönes Beispiel auch dies:  Als Scherzer mit Blick auf die Zeit in der DDR sagt, er stehe heute vor niemandem mehr auf, spricht er diesen aufrechten Satz – im Stehen.

Es ist ein höchst anregendes Gespräch, in dem auch das Äußere sinnbildlich gesehen werden kann. Der Autor trägt Jeans und Pullover, der Moderator Jackett und Hemd, der Ministerpräsident Anzug und Krawatte. Deftigen Streit zwischen Scherzer und Ramelow darf man nicht erwarten. Dazu sind sich die beiden Herren zu offensichtlich in Sympathie verbunden.

Höchstens wenn der Autor von einem Politik-Experiment spricht, korrigiert ihn der Politiker sanft, nennt es „eine neue Variante der politischen Architektur in Deutschland“. Sich gleichzeitig locker und präsidial zu geben, bereitet dem Jung-Ministerpräsidenten die ganzen 100 Minuten lang keine Mühe. Auf die Frage des Moderators, ob es denn angesichts der Mühen der Ebene überhaupt noch Spaß mache, kommt ein rasches, glaubhaftes: „Absolut!“

Landolf Scherzer, der mit seinem Schreibwunsch bei Ramelow offene Türen einrannte, sagt von seinem Buch, dass es eine Zeitspanne von 100 Tagen umfasse. Er habe nicht nur Ramelow begleitet, sondern auch mit vielen anderen Menschen gesprochen, sich dabei jedoch im Hintergrund gehalten, sei weder in Ramelows Wohnung noch auf einer Kabinettsitzung gewesen. Er bewerte die Leute nicht, so Scherzer: „Ich beschreibe sie.“ Die Politik, die Politiker und die Befindlichkeiten der Menschen, wie kommt das zusammen?

Diese Frage bewege ihn beim Schreiben. Der berührendste Moment des Abends ist Scherzers Parabel aus seiner Zeit im staubtrockenen Afrika. Von einem Tontopf mit Mais erzählt er, den die bitterarmen, hungernden, verhungernden Menschen nicht anrühren, weil sie die Saat für die Zeit brauchen, wenn der Regen kommt. Scherzer: „Dass die Saat aufgehen kann, daran glaube ich.“

Bodo Ramelow nickt. Ein roter Faden für einen Schriftsteller – wie für ein Politikerleben?

Bleibt zu hoffen, dass nach dem schönen Werkstattgespräch auch das Buch den Weg nach Erfurt zur Herbstlese finden möge. Die Premiere wird indes in Suhl über die Bühne gehen. Wie die aller mehr als 20 Bände, die Landolf Scherzer bisher vorgelegt hat. Und auch wenn man ungelegte Eier nicht vorab bewerten soll: Mit „Der Erste“, „Der Zweite“, „Der Letzte“ und „Der Rote“ liegt dann eine sehr spezielle Thüringer Chronik über einen Zeitraum von mehr als 25 Jahren vor.

Gewissermaßen als Zugabe könnte man noch die starke politische Biografie von Christine Lieberknecht, die TA-Redakteur Martin Debes verfasst hat, in diese Thüringen-Box geben. Zumal: Nicht nur Landolf Scherzer und Bodo Ramelow duzen sich, sondern  auch der aktuelle Ministerpräsident und seine Vorgängerin im Amt.

Werkstattgespräch mit Landolf Scherzer und Bodo Ramaelow bei KNV Logistik

Fotos: Holger John

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