Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Okt. 09 2018

Der Rudolstädter Theaterintendant Steffen Mensching präsentiert seinen großen Roman „Schermanns Augen“

Der weite Atem

Steffen Mensching war bei der Herbstlese schon als Vorleser und als Diskutant - 2018 kam er als Romancier.
Steffen Mensching war bei der Herbstlese schon als Vorleser und als Diskutant - 2018 kam er als Romancier.

Von Sigurd Schwager

Über Steffen Mensching schreibt Matthias Biskupek, ein anderer, ebenfalls in Rudolstadt lebender Herbstlese-Gast, das folgende berufliche Stenogramm: „Seine erste feste Anstellung hatte er mit 49 Jahren als Intendant des Rudolstädter Theaters. Zuvor war er Schüler, Freizeitfußballer, Student, freischaffender Bühnenwerktätiger mit Wenzel, Preisträger, Radio-Reisender, Romanautor, Regisseur und immer Lyriker. Sich selbst bescheinigt Mensching aktuell vier Berufe: „Autor, Clown, Schauspieler, Regisseur."

Die Erfurter Herbstlese 2018 lädt den Vier-Berufler, den man wohl eher einen Viel-Berufler nennen darf, in seiner Eigenschaft als Autor ein. Im Grunde schreibt Mensching, geboren 1958 in Ostberlin, Zeit seines Lebens, gewissermaßen seit Menschinggedenken. Bereits 1979, mit 20 Jahren, gibt er sein Autorendebüt im DDR-Verlag Neues Leben: Das Poesiealbum Nr. 146 präsentiert Gedichte von ihm, 30 Seiten Mensching-Lyrik. Wer möchte, kann es im Netz kaufen.

39 Jahre später kommt der Dichter mit 820 Seiten Prosa nach Erfurt, stellt sein Opus Magnum vor, den Roman „Schermanns Augen“, erschienen im renommierten Wallstein Verlag zu Göttingen. Die Herbstlese ist ein Heimspiel für Steffen Mensching. Man kennt ihn. Hier hat er schon aus Victor Klemperers Tagebüchern gelesen und zu anderer Gelegenheit die Frage, was eigentlich deutsch sei, mit Thea Dorn und Christoph Stölzl diskutiert, und hier füllt sein neuerlicher Auftritt nun die Buchhandlung Hugendubel bis auf den letzten Platz.

Das Erfurter Publikum begrüßt den Romancier Mensching mit viel Beifall, lässt es sich aber auch nicht nehmen, dem Intendanten Mensching reichlich Szenenapplaus zu spenden. Dieser gilt, völlig zu Recht, einem der nachhaltigsten Kulturimporte Thüringens in der jüngeren Zeit. Denn der Mann, der vor 2008 noch nie eine Bühne geleitet hat, führt seit einem Jahrzehnt ziemlich erfolgreich das Theaters Rudolstadt. Menschings Haus, staunt und schreibt die Hamburger „Zeit“, sei geradezu ein Vorzeigebeispiel für gutes Theater in der Provinz. Dem ist nicht zu widersprechen.

Mancher im Saal rätselt, wie es diesem doch so zart wirkenden Mann gelingen mag, alles an Kreativität und Kraft für das Theater und sein Publikum zu geben und gleichzeitig einen monumentalen Roman zu erschaffen.

Wenigstens im Ansatz wird der Abend Antworten bieten, wenn Mensching von Recherchelust und -glück berichtet sowie von seiner Art und Weise des konzentrierten Schreibens. Das geschieht im Gespräch mit dem als Herbstlese-Moderator gewohnt souverän agierenden Minister Benjamin-Immanuel Hoff. Doch zuvor trägt Mensching, der MDR schneidet für die Radiohörer mit, eine knappe Stunde eindrücklich aus „Schermanns Augen“ vor.

Das Buch, an dem Mensching zwölf Jahre gearbeitet hat, ist wahrlich keine Nebenbei-Lektüre. Es fordert den Leser und nimmt ihn gefangen. Erzählt wird vom historisch verbürgten Graphologen Rafael Schermann (1874-1943), der ein Star in der legendären Wiener Caféhaus-Szene der zwanziger Jahre ist, Scharlatan und Genie in einem. Schermann flieht vor den Nazis in den Osten Polens, wird in den hohen Norden der Sowjetunion deportiert und landet, hier beginnt die Fiktion, im Straflager Artek. Dort trifft er auf den jungen deutschen Kommunisten Otto Haferkorn, sie freunden sich an. Ein ungleiches Paar, das im Lager um das Überleben kämpft.

Trotzdem nennt Mensching sein Werk kein Gulag-Buch, sondern einen bitteren Schelmenroman. Panorama eines mörderischen Jahrhunderts. Nach dem möglichen dünnen Buch in seinem dicken befragt, erzählt Mensching lächelnd, was er darauf in einem Interview gesagt habe: In jedem dicken Buch sei ein dünnes, das schreie: Hol mich raus! Sein 800-Seiten-Roman sei eben dieses dünne Buch.

Wie er es überhaupt geschafft habe, mit seinem Riesenwerk fertig zu werden, will der Moderator vom Autor wissen. Darauf folgt die vom Publikum gut nachvollziehbare einfache Antwort. „Ich wollte, dass dieses Buch vor meinem 60. Geburtstag erscheint.“ Außerdem, fügt er hinzu, habe er es in Erinnerung an seine inzwischen verstorbene gute amerikanische Freundin Lily Ruth Hull zum Abschluss gebracht.

Die sichtlich beeindruckte Herbstlese-Zuhörerschaft verabschiedet Steffen Mensching noch einmal mit viel Beifall und befindet sich damit in Einklang mit den Kritikern. Über die langen Jahre seiner Entstehung, so die „Süddeutsche Zeitung“, sei der Roman keine geschlossene Kunstanstrengung geworden, sondern ein erstaunliches erzählerisches Bergwerk, ein modernes Epos.

Und Henryk Goldberg schreibt in der „Thüringer Allgemeine“, dass diese 800 Seiten etwas von einem Steinbruch haben, von einer durch Erzählung verbundenen sehr lesbaren Sammlung vieler kleiner Geschichten. Mensching gelinge ein komplexes, notwendig fragmentarisches Panorama sowohl der sowjetischen Gesellschaft in ihrer Degeneration als auch der da schon versunkenen Welt des alten Europa. „Wir sehen diese Welt mit Schermanns Augen, es ist eine in Schönheit gestorbene Welt. Und um Schermann herum eine Welt, in der Menschen und Ideen gemordet werden in der zynischen Brutalität der neuen Welt.“

Der Berichterstatter liest nach dem Herbstlese-Abend 2018 noch einmal ein Gespräch, geführt im Jahr 1979 und veröffentlicht in einem DDR-Literaturmagazin. Da fragt ein älterer Dichter, Paul Wiens, einen ganz jungen Dichter, Steffen Mensching, unter anderem: „Wo möchten Sie hin?“ Und Mensching antwortet: „Eigentlich könnte ich lakonisch sagen: Ich will zu mir. Das würde stimmen, allerdings könnte man den Eindruck bekommen, es würde mir einzig um mich gehen. Also: Dass ich zu mir will, heißt mehr; nämlich, dass ich, was in mir steckt, herausholen will. Gegenwärtig weiß ich noch nicht gut genug, wieviel ich kann und wie weit mein Atem reicht. Lyrik und Dramatik reizen mich am meisten. Mit Gedichten habe ich angefangen, das ist vier bis fünf Jahre her. Hier will ich vorerst weitermachen, aber auch anderes werde ich versuchen. Ich glaube an die Literatur als Versuch wie ebenso große Versuchung.“

Der Atem hat sehr weit gereicht.

Steffen Mensching bei Hugendubel

Fotos: Uwe-Jens Igel

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