Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Okt. 14 2018

Irma Tawelidse und Stephan Reich nahmen das Herbstlese-Publikum mit auf eine literarische Reise in den Kaukasus

Zwei Sichten auf Georgien

Durch den Abend führte Karsten Jauch von der "Thüringer Allgemeinen".
Durch den Abend führte Karsten Jauch von der "Thüringer Allgemeinen".

 

Von Elena Rauch

In den Bergen von Swanetien wachsen Türme in den Himmel, die von einem archaischen Brauch der Blutrache erzählen. In der Kleinstadt Gori stehen Denkmäler und ein Museum voller Devotionalien, die bis heute Stalin huldigen, weil er hier geboren wurde.

Was passiert, wenn man junge Literaten, jeweils aus Deutschland und Georgien als Tandem durch die Orte führt, die Fremde für die einen, Heimat für die anderen ist? Verändert das Wissen um den anderen Blick womöglich die Wahrnehmung des Vertrauten?

Das Ergebnis des literarischen Feldversuchs ist ein Sammelband von Geschichten ("Georgien. Eine literarische Reise", Frankfurter Verlagsanstalt), der gerade auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt wurde. Zwei der reisenden Autoren konnten die Herbstlese-Besucher nun in Erfurt erleben.

Irma Tawelidse, selbst in Gori geboren, erzählt von den vergeblichen Versuchen, eine erschöpfende Antwort auf die Ratlosigkeit ihrer deutschen Reisegefährtin zu finden: Warum habt ihr ein Museum für einen Massenmörder? Der Berliner Stephan Reich findet in sieben Gedichten seine Form, um den archaischen Anblick der sewantischen Wehrtürme zu spiegeln. "...warten tapfer auf die lawinen, touristen, lawinen."

Er ist Jahrgang 1984 und gehört damit nicht zu der Generation, für die zumindest im deutschen Osten Georgien einen durchaus vertrauten Klang hat. Auf Zehenspitzen tanzende und Säbel schwingende Männer, dazu Palmen und ein warmes Meer. Viel Süden, viel Exotik, damit gehörte Georgien durchaus zu den Sehnsuchtzielen unter den wenigen erreichbaren.

Die Ziele sind inzwischen andere geworden und Georgien selbst hat wechselhafte Zeiten und Umbrüche erlebt.

Immerhin: Der gefüllte Saal zeigte, dass es mehr als Restbestände des Interesses gibt. Eine gefühlte Vertrautheit vielleicht, aus einer Zeit, in der Tee aus Georgien noch grusinischer Tee hieß.

Besucherfragen verrieten neben Reiseerfahrungen und Reiseplänen auch eine Beschäftigung mit dem georgischen Thema jenseits des Folkloristischen. Irma Tawelidse sprach von ihren Erfahrungen während des Krieges 2008 mit Russland. Und von einer Jugend, die ihre Zukunft westwärts sieht.

Ein Thema, das gewiss gut einen weiteren Abend gefüllt hätte. So öffneten diese anderthalb Stunden ein Fenster in eine nicht unvertraute und gleichzeitig unbekannte Region.

Dieser Text erschien zuerst in der "Thüringischen Landeszeitung" vom 16. Oktober 2018.

 

Georgischer Abend im Kultur: haus Dacheröden

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