Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Okt. 27 2015

Ilija Trojanow stellt sein Buch „Macht und Widerstand“ bei Hugendubel vor

Die Einsamkeit des Dissidenten

Ilija Trojanow ist nicht nur Autor, sondern auch Verleger.
Ilija Trojanow ist nicht nur Autor, sondern auch Verleger.

Die Stasi und kein Ende? Dem Eintrag auf der offiziellen Seite des Deutschen Bundestags nach ist das wohl so. Dort heißt es in einem Eintrag vom März 2015: „Das Interesse der Deutschen an den Stasi-Akten ist auch 25 Jahre nach dem Mauerfall ungebrochen hoch. Im vergangenen Jahr gingen bei der Stasi-Unterlagenbehörde 67.763 Anträge von Bürgern auf Akteneinsicht ein, das sind 3.517 Anträge mehr als im Jahr 2013.“

Dabei beruft man sich auf den 12. Tätigkeitsbericht des zuständigen Bundesbeauftragten Roland Jahn. Der kommt dann auch zu Wort. Die Aufarbeitung der Vergangenheit sei immer noch für viele Menschen „eine ganz persönliche Angelegenheit“, wird er aus seinem Bericht zitiert. Der gebürtige Thüringer belegt das auch mit Zahlen. Nach seinen Angaben gehen über 5000 Anträge zur persönlichen Akteneinsicht jeden Monat bei seiner Behörde ein.

Das ist eine erstaunliche Zahl, die der gefühlten Wirklichkeit irgendwie widerspricht. Ist es nicht so, dass die meisten Menschen das Thema nicht mehr hören können? Viele am liebsten einen Deckel auf die öffentliche Diskussion packen würden? Dass sich zu den Gedenkfeiern immer die gleichen Betroffenen oder betroffen Gebenden versammeln?

Der Einwand zeigt, wie gut es den Menschen in Deutschland geht, gerade denen im Osten. Bei aller Ostalgie und Verklärung ­– die DDR zurückhaben will so recht keiner, geschweige denn die Stasi. Und, ganz ehrlich, außer im Tatort braucht sie doch auch niemand mehr zu fürchten.

Sicher, es mag die eine oder andere Seilschaft geben, den einen oder anderen Unternehmer, dessen Gründung im, vorsichtig ausgedrückt, Dunkel liegt. Aber Standard, Normalität ist das nicht.

Ganz anders sieht wohl die Sache in den Staaten Ost- und Mitteleuropas aus, die das Satelliten-Schicksal nach Moskaus Gnaden über Jahrzehnte teilen. Dort scheinen die Dinge in den vergangenen 25 Jahren anders gelaufen zu sein; dort sitzen die alten Eliten oft wieder – oder immer noch – an den Schalthebeln der Macht. Wie das läuft, beschreibt Ilija Trojanow in seinem neuen Roman „Macht und Widerstand“, den er bei Hugendubel vorstellt.

Ein titelgewaltiges Buch, keine Frage. Aber das Buch hält, was seine Überschrift verspricht, sagen unisono Monika Rettig und Dietmar Herz. Die Programmchefin der Herbstlese, die Autor und Publikum begrüßt, nennt das Buch eines der wichtigsten des Herbstes. Der Professor für vergleichende Regierungslehre, der in das Werk und das Leben Trojanows einführt, findet die monumentale Nähe zu einem Werk wie „Krieg und Frieden“ angemessen und berechtigt.

Es geht an diesem Abend weniger um den Widerstand denn um die Macht. Um die Frage, wie das postsozialistische Bulgarien als Etalon dient für ihre Verselbstständigung, ihren Drang, noch stärker zu werden, noch mehr zu manipulieren, ja, noch größeres Unheil über die zu bringen, denen es an ihr so sehr mangelt.

Doch dabei sei eines nicht vergessen: Trojanow hat einen Roman vorgelegt, kein Sachbuch. So realistisch er das jüngste Geschehen auf dem Balkan auch darstellen mag, so scharfsinnig die Analyse auch ausfällt, es ist doch auch ein phantastisches Buch. Mit einer Sprache, die wundervoll überraschend und dabei doch verständlich ist. Die ohne eigentlichen Erzähler auskommt, und selbst die Jahre zur Sprache kommen lässt. Die Momente vereint, die grotesk sind oder gar obszön, und Stellen voller Poetik und Schönheit. Es ist eine gelungene Collage.

Die Diskussion mit dem Publikum nimmt das allgemein-böse der Macht auf, das ihr gemein ist, wo immer sie sich zeigt. Der Autor und seine Leser nennen auch Namen, Abkürzungen in diesem Fall. Lief es denn bei VW nicht auch so, fragt Trojanow? Und bei der Fifa, lautet die Antwort.

So bleibt es dem Zuhörer überlassen, ob ihn die Geschichte weiter interessiert. Ob er wissen will, was aus Konstantin wird, der zunächst nur ein paar Seiten aus den Archiven einsehen kann, die nach 460 Seiten im Buch auf 40 Aktenordner angewachsen sind. Oder was aus Metodi wird, seinem Gegenspieler, der den Fiesling mit so etwas wie Charme umgibt. Dort: die Einsamkeit des Dissidenten. Da: die kollektive Fröhlichkeit des Kleindiktators.

Die Herren Trojanow und Herz verraten den Ausgang nicht; nur so viel: Es gibt am Ende auch ein Happy End. Ein kleines.

Ilija Trojanow bei Hugendubel

Fotos: Uwe-Jens Igel

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