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Sept. 25 2019

Katja Birmingham stellt mit „Maskenlos“ ihren ersten Gedichtband vor

Die Heilkraft des Gedichts

Die Journalistin Katja Birmingham zeigt sich bei der Erfurter Herbstlese von ihrer poetischen Seite. (Foto: Kathleen Kröger)
Die Journalistin Katja Birmingham zeigt sich bei der Erfurter Herbstlese von ihrer poetischen Seite. (Foto: Kathleen Kröger)

Von Kathleen Kröger

Nach vielen Jahren als Auslandskorrespondentin des ZDF hat Katja Birmingham nun ihren ersten Gedichtband vorgelegt. In ihren Lesungen verbindet die gebürtige Erfurterin die poetische Ausdrucksform ihrer Lyrik mit den beruflichen Erfahrungen, die zu deren Entstehung beigetragen haben. Im Gespräch verrät die in Australien lebende Journalistin und Autorin, wie Berufliches und Persönliches in ihrer Poesie aufeinander treffen.

Sie haben Sinologie studiert und viele Jahre journalistisch gearbeitet. Wie weit ist der Weg vom kühlen Nachrichtenschreiben zur Lyrik?

Gar nicht so weit. Auch in den Nachrichten werden große Emotionen transportiert, egal ob bei Naturkatastrophen oder vielleicht etwas versteckter in der Politik. Das Nachrichtenschreiben, zumal für die Magazinsendungen, wie das heute-Journal etwa, ist gar nicht so kühl. Was ich beim Fernsehen vor allem gelernt habe, ist, das Wichtigste in wenigen, passenden Worten auszudrücken und das ist in der Poesie genau so.

Das heißt, die Wahl des Gedichts liegt in ihrer Arbeit begründet?

Ich habe mich nicht hingesetzt und gesagt, so, jetzt schreibe ich Gedichte. Die Gedichte waren auf einmal in meinem Kopf. Also habe ich sie auf Papier festgehalten. Ähnlich ist es mit den Kurzgeschichten, die ich schreibe, seitdem ich schreiben kann. Ein Geruch, ein Wort, ein Gedanke und plötzlich spinnt sich daraus eine neue Welt. Bei meiner Lesereise lese ich eine Kurzgeschichte, die zu ZDF-Zeiten entstanden ist. Stoff gab es ja für mich als Kriegsreporterin und Auslandskorrespondentin in den Ex-Sowjetrepubliken und Ostasien immer ausreichend.

Als Auslandskorrespondentin waren Sie ja vor allem in Russland und Asien unterwegs und leben mittlerweile in Australien. In welcher Sprache träumen Sie?

In Deutsch, Englisch und Chinesisch, in Russisch träume ich eher selten. Interessant ist, dass ich in jeder Sprache etwas anders denke. Vor allem im Chinesischen, aber auch im Englischen gibt es Worte, deren Sinn wir im Deutschen so nicht kennen und erst lange erklären müssen. Das beeinflusst mein Denken und natürlich auch mein Schreiben.

Wo fühlen Sie sich zu Hause? Zählt Deutschland für Sie noch zur Heimat?

Ja, auf jeden Fall. Ich bin in der Platte im 16. Stock aufgewachsen und in Erfurt Nord zur Schule gegangen. Meine Familie lebt hier. Viele Freunde. Deutschland wird immer meine Heimat bleiben, auch wenn ich jetzt mit meinem Mann und Sohn in Australien zu Hause bin.

Sie haben über Konflikte auf der ganzen Welt berichtet, welche Konflikte werden in Ihrem Gedichtband „Maskenlos“ ausgetragen?

Die inneren Konflikte. Denn das Spannende ist: Jeder äußere Konflikt hat innere Ursachen. Das gilt für Regierungen genauso wie für das Individuum. Mit diesem Ansatz lässt sich gut erklären, warum das Äußere so ist, wie es ist. Und mit diesem Wissen können wir etwas ändern, indem wir für uns selbst Verantwortung übernehmen. Gesellschaftlich ist es etwas schwieriger, da braucht es eine Mehrheit, die ähnlich denkt.

Wenn Sie selbst lesen, greifen Sie bevorzugt zur Biografie. Wie viel geben Sie in Ihrem eigenen Schreiben von sich preis?

Jedes Wort, das ich schreibe, hat mit mir und meiner Wahrnehmung zu tun. In der Poesie wie im Journalismus. „Maskenlos“ ist designed zu heilen. Ich möchte die Leute da abholen, wo der Schuh drückt. Die Gedichte regen zum Nachdenken an und bieten Alternativen. Wir Menschen, egal wo in der Welt, ob in Deutschland, in Russland oder in China, wir sind doch alle gleich. Wir alle wollen eine gute Bildung für unsere Kinder. Wir wollen saubere Luft, trinkbares Wasser und geliebt werden. Wir müssen das nur noch auch für die anderen wollen.

Also werfen Sie einen optimistischen Blick auf die Welt?

Auf jeden Fall! Meine Gedichte sollen Hoffnung geben und stark machen. In der Lyrik wird oft die Schönheit der Natur beschrieben. Darum geht es bei mir nur sekundär. Ich beschreibe die Schönheit von uns Menschen, auch wenn sich diese oft hinter einer rauen Fassade versteckt.

In Ihrer Magisterarbeit haben Sie sich mit dem Bergsteigen in Taiwan beschäftigt. Wie sieht es denn mit Wandern im Steigerwald aus, wenn Sie schon mal hier sind?

Im Steiger waren wir diesmal nicht. Mein Vater wohnt in Geraberg, meine Tante in Suhl und so waren wir viel im Thüringer Wald unterwegs. Es ist herrlich dort.

Worauf freuen Sie sich bei der Herbstlese besonders?

Auf das Gespräch mit den Erfurtern. Bislang hatte ich immer ein sehr interessiertes und emotional erreichbares Publikum. Die Gedichte kamen genauso gut an, wie die Berichte aus der Welt und meiner Arbeit beim ZDF. Daraus ergaben sich immer spannende Fragen, auf die ich mich auch diesmal freue.

Ihre ersten journalistischen Erfahrungen haben Sie ja als Schülerreporterin bei der TA gemacht. Erinnern Sie sich noch an Ihre ersten Beiträge?

An einige, ja. Ich hatte zum Beispiel über eine Dirigentin geschrieben, was in dem Beruf ja leider immer noch außergewöhnlich ist und über einen Tai-Chi-Meister. Ich habe damals schon Themen gesetzt. Das war aufregend.

Dieser Artikel erschien zuerst am 24. September in der "Erfurter Allgemeine".

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