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Okt. 01 2019

Max Annas verarbeitet in „Morduntersuchungskommission“ einen Fall von 1986

Mord in der DDR

Die letzten Jahre der DDR kennt Max Annas von Reisen nach Ostthüringen aus eigenem Erleben. (Foto: Viadata)
Die letzten Jahre der DDR kennt Max Annas von Reisen nach Ostthüringen aus eigenem Erleben. (Foto: Viadata)

Von Sigurd Schwager


Eine Herbstlese ohne Krimis wäre, mit Loriot zu sprechen, möglich, aber sinnlos. Das wissen die Veranstalter natürlich, und so bietet denn auch der Autoren-Jahrgang 2019 für (fast) jeden Krimileser-Geschmack etwas. Von Steinfest bis Pflüger, von Sigurdardottir bis Fitzek, der im November sogar die Messehalle mordsmäßig füllen wird.

Hingegen besticht der Krimi-Auftakt am letzten Septemberabend durch völlige Abwesenheit von Spektakel. Er bietet stattdessen Nähe und Intensität. Zu Gast in der gut besuchten Buchhandlung Hugendubel ist Max Annas, den Leserschaft und Juroren gleichermaßen schätzen. Die einen heben ihn seit Jahren regelmäßig auf die Bestsellerlisten, die anderen würdigen drei seiner vier Romane mit dem Deutschen Krimipreis. Herbstlese-Programmchefin Monika Rettig zählt die geehrten Bücher in ihrer kleinen Begrüßungsrede auf: „Die Farm“, „Die Mauer“ und „Finsterwalde“. Den Autor, der früher als Journalist gearbeitet und längere Zeit in Südafrika gelebt hat, charakterisiert sie als „politischen Kopf“. Und politisch seien auch seine Bücher, wobei ihn immer wieder der Rassismus als Thema beschäftige.

Das gilt auch für seinen fünften Roman, aus dem er in Erfurt zum ersten Mal öffentlich liest. Doch bevor der gebürtige Kölner Max Annas das Buch aufschlägt, erzählt er davon, wie er als junger Mann die Endzeit-DDR besuchte, vor allem Ostthüringen, und dort Freundschaften schloss. Einmal, im Frühsommer 1989, sei er zwecks polizeilicher Anmeldung auch in Erfurt gewesen. Ein späterer Versuch, die Stadt näher kennenzulernen, bleibt ihm durch die DDR-Behörden verwehrt. Nun endlich, 30 Jahre später, holt er den verhinderten Erfurt-Besuch nach - mit einem Buch, das in Thüringen handelt.

Der Titel „Morduntersuchungskommission“ ist so sachlich-schmucklos wie die Lesung, was wohl dem Naturell von Annas entspricht, aber auch als eine dem Inhalt sehr angemessen Vortragsweise erscheint. Der Roman beginnt mit einer Widmung: „Für Manuel Diogo (1963-1986)“. Dieser Manuel Diogo, geboren im selben Jahr wie Max Annas, kommt Anfang der 80er Jahre als Vertragsarbeiter aus Mosambik in die DDR. Hier endet sein kurzes Leben auf schreckliche Weise. Im Juni 1986 wird er in einem Zug auf der Strecke von Berlin nach Dessau bestialisch getötet. Weil Fremdenhass nicht in das offizielle Bild passt, weil es in der DDR keine Rassisten und Neonazis geben kann und also keine geben darf, wird das Geschehene unter den Teppich gekehrt.

Max Annas hat den bis heute nicht vollends aufgeklärten Fall von 1986 in das Jahr 1983 verlegt und in eine Gegend, in der er sich auskennt. Im Roman wird an der Bahnstrecke nahe Jena die entstellte Leiche eines jungen Mosambikaners gefunden. Oberleutnant Otto Castorp von der Morduntersuchungskommission Gera beginnt zu ermitteln: „Da hatte niemand einfach nur zugeschlagen. Alles war blutig und dunkel. Otto sah zu den anderen. Jeder Einzelne hatte den Blick auf den Toten gerichtet...Rolf war es, der das Schweigen brach. Zuerst hustete er, dann atmete er durch. ‚Braunkohle‘, sagte er. Heinz schaute auf, Missbilligung in den Augen...Otto sah genau hin. Was aus dem Kragen der Jacke herausschaute, war blutig. Aber er hatte nur das Blut und nicht die dunkle Haut des Toten wahrgenommen. Der Hals war der eines schwarzen Mannes. Jetzt erst, wo er das wusste, konnte er Haut und Blut voneinander unterscheiden..."

Bald stößt der Kriminalist, mit dem der Leser sympathisiert, auf Indizien für ein rassistisch motiviertes Verbrechen, doch zugleich türmen sich vor ihm unüberwindbare Mauern des Schweigens, der Anweisungen und Verbote. „Morduntersuchungskommission“ zeichnet ein atmosphärisch dichtes Bild, das die Rezensenten stark beeindruckt. Der Autor, lobt ein Kritiker, erzähle zurückhaltend, ohne im Zeitkolorit der untergehenden DDR zu baden. Genau diesen bleibenden Eindruck vermitteln auch die Erfurter Hörproben.

Max Annas liest lange Passagen aus seinem Roman, unterbricht sie nur gelegentlich durch kurze Erklärungen, liest weiter. Kapitel 10, Kapitel 42, Kapitel 56, zum Schluss Kapitel 99, da sind es nur noch 20 Seiten bis zum Finale. So eine Dramaturgie hat der Berichterstatter noch bei keiner Krimi-Lesung erlebt. (Allerdings passiert auf den ungelesen allerletzten Seiten tatsächlich noch Überraschendes.) „Wenn Sie wissen wollen, wie es weitergeht, dann sollten Sie mein Buch kaufen.“ Den Standardsatz von Lesungen hört man von diesem Autor nicht. Das Erfurter Publikum lauscht auch so sichtlich interessiert.

Konzentriertes Zuhören ist anstrengend. Deshalb sind die Fragen nach der Lesung nicht überbordend. Ob er sich vorstellen könne, dass es unangepasste, widerständige Polizisten wie Castorp im realen DDR-Leben gegeben habe, wird Annas gefragt. Er bejaht dies. Es müsse in der Hierarchie auf jeder Ebene Leute gegeben haben, die um die Ecke gedacht hätten.

Das geschriebene wie das gesprochene Wort des Autors bezeugen: Dieser Mann denkt nicht schwarzweiß. Zum Beispiel sagt er in Erfurt: Verbrechen unter den Teppich zu kehren, sei keine Spezialität der DDR. Zu einer anderen Bemerkung im Verlauf des Abends wird Max Annas leider nicht um Erläuterung gebeten. Sie lautet: „In der DDR gab es keine Kriminalliteratur. Den Satz halte ich inhaltlich für in Ordnung.“ Könnte sein, dass er den politischen Teil der Kriminalliteratur meint. Vielleicht kann man Max Annas dazu im nächsten Jahren befragen, denn in Erfurt gibt es von ihm die erfreuliche Bestätigung: Die Morduntersuchungskommission geht in Serie. Im Sommer 2020 erscheint das zweite Buch. Es spielt 1985 in Jena und handelt von Punk und Verrat.

Das Erfurter Publikum dankt dem Autor für einen interessanten Abend, verabschiedet ihn mit viel Beifall und mit der Hoffnung auf ein Wiedersehen.

Max Annas bei Hugendubel

Fotos: Viadata

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