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Erfurter Herbstlese
Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Okt. 02 2019

Ein Abend mit Jana Simon und ihrem neuen Buch über eine verunsicherte Nation

Unter Druck

Weder Zugverspätung noch Erkältung konnten Jana Simon von ihrer Erfurter Lesung im Kultur: Haus Dacheröden abhalten.
Weder Zugverspätung noch Erkältung konnten Jana Simon von ihrer Erfurter Lesung im Kultur: Haus Dacheröden abhalten.

Von Sigurd Schwager

Im Oktober 2013, man erinnert sich gern an den schönen Abend, gibt Jana Simon ihr Herbstlese-Debüt. Die Reporterin, die schon damals als eine der Besten ihrer Zunft im Lande gelten darf, stellt in der Aula des Ratsgymnasiums ihr anrührendes, kluges Buch „Sei dennoch unverzagt. Gespräche mit meinen Großeltern Christa und Gerhard Wolf“ vor.

Sechs Jahre später, im Oktober 2019, kommt Jana Simon wieder nach Erfurt, auf Einladung des Festivals und der Friedrich-Ebert-Stiftung. Sie hat ihr neues Buch „Unter Druck. Wie Deutschland sich verändert“ dabei. Wann begann diese schleichende Veränderung Deutschlands, dieser steigende Druck, diese allmähliche Zersetzung der Gemeinschaft? Weder im Buch noch jetzt im Erfurter Haus Dacheröden bemüht Jana Simon dafür den Tageskalender. Aber, schreibt und sagt sie, ein Jahr sei ihr besonders im Gedächtnis geblieben: „2013. das Ausgangsjahr dieses Buches, dem die Griechenlandrettung, die Eurokrise, der Kriegsausbruch in Syrien und die Entdeckung des rechtsextremen NSU-Terror-Trios vorausgegangen waren. Das Jahr, in dem der Ukraine-Konflikt eskaliert, der NSU-Prozess anfängt und sich die AfD gründet.“

Sieben Menschen hat die Autorin von 2013 bis 2019 immer wieder getroffen, gesprochen, beobachtet: den einstigen EZB-Direktor und heutigen Investmentbanker Jörg Asmussen, die alleinerziehende Krankenschwester Bozena Block, die sich vor Altersarmut fürchtet; den Thüringer Polizisten Thomas Matczak, den AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland, dessen rasante Radikalisierung sie beschreibt; Jörn und Katrin Reichenbach, die in Stuttgart mit der Last des Eigenheims, der Erhaltung ihres Mittelklassestatus und den Auswirkungen des Dieselskandals zu kämpfen haben sowie seit 2018 die junge Influencerin Lisa Banholzer.

Jana Simon nennt ihre Porträts „Biographiengewebe“ und „Nahaufnahmen einer verunsicherten Nation“. Im Gespräch mit Moderatorin Romy Gehrke vom MDR und durch die Lese-Kostproben wird rasch klar, was die Protagonisten des Buches eint und deshalb den Titel stiftet. Sie alle empfinden auf vielfältige und unterschiedlich ausgeprägte Weise Druck. Druck und immer wieder Druck. Gewissheiten verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Die Angst wird zum Begleiter in einer im Großen wie im Kleinen instabilen Welt.

Natürlich bleibt an diesem Erfurter Abend die Frage nicht aus, ob die Autorin Gauland eine nzu viel großen Raum biete. Jana Simon ist sich dessen bewusst: Ja, sie habe immer wieder gezweifelt und sei von ihm in den Gesprächen auch ab und zu an ihre Grenzen gebracht worden. Andererseits hätten sich alle anderen Gesprächspartner im Buch an dem Mann und seiner Partei gerieben, auf ihn reagiert. Im Prolog des Buches mündet das Zweifeln in die Frage: „Denn was bleibt, wenn kein Gespräch mehr möglich ist, wenn die Berührungspunkte verschwinden, wenn der Dialog endet?“

Jana Simon sagt, sie habe sich bemüht, allen Gesprächspartnern offen zu begegnen. Man glaubt ihr das sofort, wenn man das gedruckte Ergebnis zu lesen anfängt und in den Sog der dichten, eindringlichen Langzeitreportage gerät, die ihresgleichen sucht. Und es spricht für sich, dass einer von jenen, dessen Lebensgeschichten die Autorin so packend erzählt, als Zuhörer im Saal anwesend ist: der Staatsschützer Thomas Matczak. Und ganz vorn sitzt mit dem Polizisten Mario Melzer noch ein weiterer Thüringer NSU-Fahnder, der den Abend zudem mit einer engagierten Wortmeldung bereichert. Beiden gilt der herzliche Applaus des Publikums.

Wenn man ein wenig im Netz sucht, findet man auch ein großes „Zeit“-Stück von Jana Simon aus dem Jahr 2013 zum Thema NSU, in dem die beiden Männer beschrieben werden: „Melzer erzählt rastlos, Matczak zaghaft. Melzer ist laut, Matczak leise. Melzer ist sich sicher, Matczak zweifelt. Vereint sind sie in ihrem Entsetzen über den Einsatz am 26. Januar 1998. Die Durchsuchung ist das Trauma der Polizisten Matczak und Melzer, ihre Auswirkungen spüren sie bis heute. Sie sind mit den Ermittlungen damals nicht einverstanden. Bis heute haben sie es schwer, ihrer Version der Ereignisse Gehör zu verschaffen. Bis heute denken sie darüber nach, warum es damals schiefging. Und bis heute treibt sie ein Gedanke um: Wäre der 26. Januar 1998 anders verlaufen, vielleicht hätte es den NSU nie gegeben. Vielleicht wären zehn Menschen noch am Leben...“

Zurück in die Herbstlese-Gegenwart. Im Buch endet das Porträt von Thomas Matczak so: „Im Oktober 2019 sind Landtagswahlen in Thüringen. ‚In der Gesellschaft brodelt es. Ich weiß nicht, ob das ganze System vielleicht einmal überdacht werden muss.‘ Ein Staatsschützer der am System zweifelt. Thomas Matczak versucht, eine Balance zu halten. In der Mitte, zwischen allen Fronten. Aber es wird immer schwerer.“

„Unter Druck" ist bewegend und bedrückend. Fragen enthält es viele. Nach Antworten muss man selbst suchen. Vielleicht hilft dabei die eingangs erwähnte Anfangszeile des Lieblingsgedichts von Christa Wolf: „Sei dennoch unverzagt“.

Viel Beifall für Jana Simon, die Unverzagte, die sich weder von Zugverspätung noch von Erkältung abhalten lässt, dem Erfurter Publikum einen starken Abend zu bieten.

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