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Erfurter Herbstlese
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Nov. 30 2019

Hanns Zischler als Übersetzer eines Buchs, das Hannah Arendt gewidmet ist

Ein gelehrtes Vergnügen

Hanns Zischler, so das Urteil des Feuilleton, ist nicht nur einer der meistbeschäftigten Schauspieler Deutschlands, sondern ein Multiartist in fast jeder künstlerischen und intellektuellen Disziplin.
Hanns Zischler, so das Urteil des Feuilleton, ist nicht nur einer der meistbeschäftigten Schauspieler Deutschlands, sondern ein Multiartist in fast jeder künstlerischen und intellektuellen Disziplin.

Von Sigurd Schhwager

Hanns Zischler, ein weithin gerühmter Mann, beschreibt die eigene Erfahrung mit Prominenz so: „Ich werde von den Leuten erkannt, aber mit einer Art verzögertem Autofokus. Die Menschen sehen mich, der Name fällt ihnen nicht ein.“ In Erfurt muss das Herbstlese-Publikum sein Namensgedächtnis nicht lange strapazieren. Die Ankündigung, dass Hanns Zischler kommt, sorgt zügig für ein ausverkauftes Haus Dacheröden - und zu Beginn des Abends für die Anmerkung des Gastes, er fühle sich ob des großen Interesses beglückt und irritiert.

Was diesen Künstler so besonders macht? Unter all jenen, die sich in den vergangenen 23 Jahren in das Gästebuch der Herbstlese eingetragen haben, dürfte er wohl einer der vielseitigsten sein, wenn nicht gar der vielseitigste. Ein Mann der tausend Fähigkeiten und Tätigkeiten. Zischler, der Schauspieler, Dramaturg Regisseur, Drehbuchautor, Kameramann, Hörspiel-, Hörbuch- und Synchronsprecher. Zischler, der Lektor, Verlagsgründer und Übersetzer aus dem Französischen und Englischen, der Essayist, Novellist, Romancier und Autor des Klassikers „Kafka geht ins Kino“. Zischler, der in jungen Jahren einer Band angehört, die nur Bob Dylan spielt und der heute von sich sagt, dass er am besten die Fotografie könne.

Allgemeine Bekanntheit hat er jedoch hundertfach vor der Kamera erlangt. Seinen ersten Film dreht der in Berlin lebende Franke 1970 mit Wim Wenders. Auf seinem weiteren Schauspielerweg trifft er neben den wichtigen deutschen Regisseuren Kinolegenden wie Chabrol, Godard, Szabo, Spielberg oder Costa Gavras. Im Fernsehen sieht man ihn an der Seite von Kommissar Beck, im Tatort und Polizeiruf, aber auch bei Derrick und im Fall für zwei. Zischler, urteilt unisono das gestrenge Feuilleton, sei nicht nur einer der meistbeschäftigten Schauspieler Deutschlands, sondern ein Multiartist, der in fast jeder künstlerischen und intellektuellen Disziplin reüssiere.

Als er 60 wird, widmet ihm die FAZ Sätze wie diese: „Wo immer er ist, was immer er tut: Er füllt auf eine emphatische, dabei absichtsvoll zurückhaltende Weise den Raum und die Szene. Er, der äußerlich Umtriebige, hat aus seinem mimischen und, als Autor, auch stilistischen Phlegma ein Markenzeichen entwickelt: die expressive Lakonie.“

Wer ihn zwölfeinhalb Jahre später in Erfurt erleben darf, vor allem seine zeitlos elegante Präsenz, der wird die Haltbarkeit der alten Eloge, die expressive Lakonie, gern bestätigen. Und der Berichterstatter glaubt zu verstehen, warum Jean-Luc Godard den Schauspieler Hanns Zischler einen „Gentleman Actor“ nannte.

Die Rolle, die ihn jetzt nach Erfurt führt, ist allerdings keine filmreife, sondern die des Übersetzers. Das Buch, um das es dabei geht, vereint zwei Debüts. Zum einen hat der US-amerikanische Cartoonist Ken Krimstein in New York mit „The Three Escapes of Hannah Arendt“ seine erste Graphic Novel veröffentlicht und zum anderen Hanns Zischler erstmals einen solchen Comicroman übersetzt und ihm den deutschen Titel „Die drei Leben der Hannah Arendt“ gegeben. Zischler, schreibt die „Süddeutsche Zeitung“, habe die Texte kraftvoll übersetzt. Sie brillierten in vielen Tönen, von düsteren Momenten der Verzweiflung bis zum trockenen Witz von Partykonversationen.

In Erfurt kann das Publikum auf einer Leinwand verschiedene Buchseiten im Großformat studieren und zugleich Zischlers freiem Vortrag gebannt folgen. Beginnend beim Titel nimmt er die Zuhörer mit in die Welt der Übersetzungskunst mit all ihren Schwierigkeiten und Fallstricken. Dann wird er zum Kunstbetrachter, erklärt, warum die Titelfigur von der Kindheit bis ins Alter dieselben Augenbrauen hat, wie kluge Brillengläser Augen ersetzen können und weshalb die Heldin Hannah immer Grün trägt, die Farbe des Künftigen, des Hoffnungsvollen. „Sie müssen bei Graphic Novel immer auch ans Kino denken“, sagt der leidenschaftliche Graphic Novel-Fan, -Sammler und -Autor Zischler. Man merkt, dass ihm das Sujet am Herzen liegt. Und Hannah Arendt sowieso. Die Jüdin, die 1933 aus Nazi-Deutschland ins Exil flieht, nach Paris geht, in die USA emigriert und dort die erste Princeton-Professorin wird.

Kenntnisreich erläutert und ergänzt Zischler die von Krimstein in Bild und Wort erzählte Porträtskizze jener außergewöhnlichen Frau, die als eine der einflussreichsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts gilt und deren Themen von bleibender Aktualität sind. Wie der Autor betont auch der Übersetzer, dass der Anspruch kein wissenschaftlicher sei. „Es handelt sich um eine Interpretation ihres Lebens, eine biographische Fiktion mit textlich tradierten Anleihen aus ihrem Werk.“ Wie Krimstein hofft auch Zischler, diese Graphic Novel möge Hannah Arendts Leben und Denken einer neuen Leserschaft nahebringen.

Dass sich im Übrigen die beiden Herren erst nach dem Erscheinen des Buches „Die drei Leben der Hannah Arendt“ kennenlernten, ist ein interessantes Detail aus dem Frageteil, der in Erfurt dem gelehrten Vergnügen folgt.
Dann begleitet der lange herzliche Beifall des beeindruckten Publikums Hanns Zischler auf dem Weg zum Signiertisch. Soviel Zeit darf gern sein. Später wird ihn der ICE zurück nach Berlin bringen. Der Mann, wir wissen es, hat schließlich viel zu tun.

Hanns Zischler im Kultur: Dacheröden

Fotos: Viadata

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