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Erfurter Herbstlese
Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Mai 01 2019

Uschi Brüning singt, liest, erzählt – und das Publikum ist hin und weg

Eine Stimme wie keine zweite

Wegen der großen Nachfrage wurde der Auftritt von Uschi Brüning auch auf einer Videoleinwand in der Galerie gezeigt.
Wegen der großen Nachfrage wurde der Auftritt von Uschi Brüning auch auf einer Videoleinwand in der Galerie gezeigt.

Von Sigurd Schwager

Dieser Abend gehört einem Gast wie er im Buche steht: Anfang der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts wird in der DDR einer jungen Frau von Mitte zwanzig ein literarisches Denkmal für die Ewigkeit errichtet. Selbiges steht in einem der bekanntesten Bücher des verblichenen Landes, in Ulrich Plenzdorfs „Die neuen Leiden des jungen W.“ Ein Bestseller, vielfach übersetzt, verfilmt und oft auf die Theaterbühne gebracht.

Plenzdorf lässt seinen siebzehnjährigen Romanhelden Edgar Wibeau, der nach echter Musik hungert, eine Hymne anstimmen: „Old Lenz und Uschi Brüning! Wenn die Frau anfing, ging ich immer kaputt. Ich glaube, sie ist nicht schlechter als Ella Fitzgerald oder eine. Sie hätte alles von mir haben können, wenn sie da vorn stand mit ihrer großen Brille und sich langsam in die Truppe einsang. Wie sie sich mit dem Chef verständigte ohne einen Blick, das konnte nur Seelenwanderung sein. Und wie sie sich mit einem Blick bedankte, wenn er sie einsteigen ließ! Ich hätte jedes Mal heulen können. Er hielt sie so lange zurück, bis sie es fast nicht mehr aushalten konnte, und dann ließ er sie einsteigen, und sie bedankte sich durch ein Lächeln, und ich wurde fast nicht wieder.“

Viereinhalb Jahrzehnte später stellt die Ella Fitzgerald aus dem Leipziger Osten zur Erfurter Frühlingslese im ausverkauften Haus Dacheröden ihre Autobiografie vor. Natürlich kommen darin die Zeilen aus dem berühmten Buch als Zitat vor. Sie sei darauf stolz gewesen, schreibt Uschi Brüning in ihren Memoiren, aber das Lob habe sie damals auch überfordert. „Zu der Zeit, als Edgar Wibeau über mich ins Schwärmen geriet, hatte ich mich noch gar nicht als Blues- und Jazzlady gesehen.“

In Erfurt bleibt die Hymne des jungen W. Auf die junge B. unerwähnt. Zum einen neigt die große Jazzsängerin, die weit über Deutschland hinaus zu den Besten ihres Fachs gehört, wahrlich nicht zu eitler Selbstbespiegelung. Zum anderen kennt das Publikum diese Szene ganz genau. Man ist gemeinsam erwachsen, gemeinsam älter geworden. Lenz, Brüning, Gumpert ... Auch der graubärtige Berichterstatter erinnert sich gern an die Konzerte der Studentenzeit.

Ruhig, unaufgeregt, manchmal selbstironisch, immer ohne Bitterkeit und Häme berichtet Uschi Brüning, 1947 im Leipziger Osten in ärmlichen Verhältnissen geboren, von ihrem Leben, den guten wie den schlechten Zeiten, von Talent, Arbeit, Zweifel, Zufall und Glück. „Der eine liest, der andere treibt Sport - ich sang.“ Auf der Straße, im Kinderheim, in der Aula, in der Band. „Singen, das gehörte einfach zu mit, das war ich.“

Das ist sie und das bleibt sie. Schreiben, sagt sie, sei nicht ihre Sache, sondern die Musik, der Gesang, die Improvisation. „Mein Ort ist die Bühne. Ich brauche das Zusammenspiel mit anderen Musikern, die Kommunikation, und ich brauche das Publikum.“ Das Publikum im Festsaal und in der Galerie lauscht gespannt, wenn sie sich erzählend vor dem großen Freund und Kollegen Manfred Krug verneigt oder über den Saxophonisten Ernst-Ludwig Petrowsky spricht, ihren Mann, Lehrer, Freund und musikalischen Herausforderer. Ihm hat sie das Buch gewidmet: „Für Luten, meine Liebe“.

Wiewohl Uschi Brüning auch über den Mauerfall und die Zeit danach berichtet, über die ausbleibenden Angebote, die leeren Säle, die Existenzängste, nimmt sie den Leser doch vor allem mit auf eine Zeitreise in die DDR und zu deren Musikszene. Sie erzählt Geschichten aus einer Zeit, die Jazz-Experte Rainer Bratfisch, der im Quellenverzeichnis erwähnt wird ,so charakterisiert: „Die Position des Jazz schwankte immer zwischen strikter Ablehnung und leiser Anerkennung, mehr oder weniger offener Verfolgung und verschämter Duldung, offener Antipathie und heimlicher Sympathie.“

Uschi Brüning ist eine interessante, lesenswerte Autobiografie gelungen - auch dank der Hilfe von Krista Maria Schädlich, die schon Lektorin der Manfred-Krug-Bücher war. Dennoch erfreut es das Erfurter Publikum wohl am meisten, dass ihm keine klassische Buchlesung geboten wird, sondern eher ein exklusives Klubkonzert. Für dessen Gelingen hat Uschi Brüning einen hochbegabten jungen Musiker mit bekanntem Namen an ihrer Seite: Lukas Natschinski, Jahrgang 1995, jüngster Sohn des Komponisten Gerd Natschinski.

Nach dessem Solo beginnt sie mit dem Lied „So wie ich“, das den Titel für Album und Autobiografie stiftet. Die wunderbare Welt des Jazz erwacht mit Nina Simones „Exactly like you“. Es folgt eines ihrer liebsten Stücke, Dusty Springfields „Son of the preacher man“ in der deutschen Version „Der Sohn meiner Nachbarin. Auch „Amazing grace“, eines der weltweit beliebtesten Kirchenlieder, darf nicht fehlen und nicht Charlie Parkers „Anthropology“. Uschi Brüning kredenzt „Black coffee“, serviert Kostproben ihrer meisterhaften Stimmkunst der Improvisation und erfreut mit „Dein Name“, ihrem ersten preisgekrönten Lied, damals, 1972, beim internationalen Schlagerfestival in Dresden.

Als sie auf den Spuren von Cole Porter und Caterina Valente „Ganz Paris träumt von der Liebe“ anstimmt und überleitet zu „Ganz Erfurt träumt von der Liebe, denn dort ist sie ja Zuhaus“ - da schmilzt der Saal förmlich dahin. Beim Spiritual „Strange things happen every day“ machen die Erfurter Brüning-Fans das, was auch schon Angela Merkel getan hat: Sie singen begeistert mit. „Das war mal ein schöner Chor“, lobt die Sängerin und verabschiedet sich mit Louis Armstrongs What a wonderful world“.

Was für ein wundervoller Abend! Das Publikum ist hin und weg. Und Programmchefin Monika Rettig auch: „Eine Stimme hat sie wie keine zweite. Wir verneigen uns.“ Der heftige Beifall hört wohl nur deshalb irgendwann auf, weil man unbedingt noch Buch, Schallplatte oder CD kaufen und signieren lassen möchte.

Der Berichterstatter erinnert sich an das, was Wiglaf Droste, ein anderer Gast des Herbstlese-Vereins, vor Jahren über diese Künstlerin gesagt hat, denn es gilt Wort für Wort im Frühling 2019: „Uschi Brüning, der Star, bis in die Haarspitzen voll Lampenfieber, singt, egal vor welchem Publikum, völlig unprätentiös wie um ihr Leben. In jedem Ton geht es um alles, und das Publikum kann sein Glück nicht fassen – und auch das seltsame Gefühl nicht, dass diese Stimme eine Stimme aus der DDR war und ist, wenn auch niemals die Stimme der DDR.“

Uschi Brüning liest und singt

Fotos: Uwe-Jens Igel

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