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Erfurter Herbstlese
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Okt. 31 2019

Daniela Dahn rechnet in ihrem neuen Buch mit der Deutschen Einheit ab

Feindliche Übernahme auf Wunsch der Übernommenen

Der Untertitel von Daniela Dahns neuem Buch verrät, wohin die Reise geht: „Die Einheit - Eine Abrechnung“
Der Untertitel von Daniela Dahns neuem Buch verrät, wohin die Reise geht: „Die Einheit - Eine Abrechnung“

Von Sigurd Schwager

Sind Träume Schäume? 30 Jahre nach dem Mauerfall schaut natürlich auch die Herbstlese mit ihren Autoren und deren neuen Büchern auf uns und unser Land. So verschieden dabei die Blickwinkel auch sein mögen. Die Bilder, die Befunde ähneln sich: enttäuscht, verunsichert, gespalten, zerrissen.  In der erwartbaren Jubiläumsflut zum Stand der Dinge ist eines der zornigsten Bücher jenes von Daniela Dahn. „Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute“ heiß ihr neues Werk, und der Untertitel weist den Weg, wohin die Reise geht: „Die Einheit - Eine Abrechnung“. Das bisherige Echo ist ebenfalls abrechnend. Die Kritiker sehen ein Buch voller Vorurteile, viele einfache Antworten und attestieren einen Hang zur Rechthaberei.

Das Erfurter Publikum kennt und schätzt die mit vielen Preisen bedachte Berliner Schriftstellerin als streitbare Autorin, und füllt auch an diesem Herbstlese-Abend wieder den Saal im Haus am Breitstrom. Nach sieben Büchern zur deutschen Einheit und ihren Folgen, sagt Daniela Dahn, habe sie zunächst kein weiteres schreiben wollen, aber dann bemerkt, die Zeiten seien wohl doch danach. Außerdem nennt sie als ein Motiv, dass sie Traurigkeit und Protest nicht den Rechten überlassen wollte.

Sie beginnt die Lesung, die sie immer wieder für hintergründige Ergänzungen unterbrechen wird, mit den Sätzen, die das Buch einleiten: „Mit der Mauer ist jede Zurückhaltung der Sieger gefallen. Seither werden Kamele ständig gezwungen, durch Nadelöhre zu gehen. Damit sie den Reichen ermöglichen, schon auf Erden ins Himmelreich zu kommen. Das ist offenbar gedeckt durch die christliche Leitkultur. Die Nächstenliebe...“ 

Dann folgt der Abschnitt, der die Überschrift „Wie der Mauerfall Himmel und Hölle öffnete“ trägt: „Die Einheit war eine feindliche Übernahme auf Wunsch der Übernommenen. Für die Sieger war das schönste an der friedlichen Revolution, dass sie nichts revolutionierte. Das Neue bestand darin, den alten Spielregeln beizutreten. Kaufen und sich kaufen lassen...“

Vereinigungslegenden, Wahlbeeinflussung, fatale Währungsunion, die Treuhand als größte Misswirtschaft aller Zeiten, Orgien persönlicher Herabwürdigungen, Bürde statt Würde, soziale, mentale und intellektuelle Deklassierung des Ostens, Rechtsextremismus aus der Mitte des Staates, Raubmenschkapitalismus – Drama reiht sich an Drama. Das Buch und der Vortrag daraus, halten atemlos, was der Untertitel verspricht: Es wird abgerechnet!

Daniela Dahn, die ihr Buch als einen „Gedankenstrom“ bezeichnet, der gelegentlich in Stromschnellen oder Strudel gerät, sieht die Probleme, die sich aus unentwegter scharfer Zuspitzung ergeben. Sie liest in Erfurt auch die entsprechende Buchpassage vor: „Man steht nicht zuletzt mit Rücksicht auf die Zeit des geneigten Lesers vor dem Dilemma, auf die verordnete Einseitigkeit zu reagieren und damit zu einer Art Gegeneinseitigkeit genötigt zu sein. Auf einen zerbeulten Topf gehört ein zerbeulter Deckel. Ich räume diesen unvermeidlichen Mangel mit der Bitte um Nachsicht ein, wohl wissend, dass ich auf solchen Ablass nicht hoffen kann.“
Die 75 Leseminuten enden wie das Buch mit einem offenen Brief an die Generation Fridays for Future, die sie Generation Alarm nennt. „Mein Leben ist angenehm“, schreibt und liest Daniela Dahn. „Aber gutes Leben nur für sich selbst ist kein gutes Leben. Ich sehe, wohl ähnlich wie ihr, die ganze Welt in ihrem erbärmlichen, bedrohten Zustand. Er erklärt sich aber wesentlich aus der Ewigkeitsgarantie, die der Kapitalismus sich geschaffen hat. Glaubt mir, ihr habt keine Chance. Oder glaubt mir nicht, und macht was draus.“
Anschließend wird die Autorin von Hanno Müller befragt. Der auch als Moderator erfahrene Redakteur der Thüringer Allgemeine konstatiert neben eindrucksvollen Befunden so manche steile These. Dass sie von den Medien als „Lücken- und Linienpresse“ spreche, empfinde er als auf Krawall gebürstet.  Der Berichterstatter, der das ebenso sieht, wundert sich ein wenig über die dünnhäutige Reaktion der eher sanft Kritisierten. Der Zwischenapplaus zeigt, dass der Saal mehrheitlich auf ihrer Seite ist. Später dann, als das Publikum nach anfänglichem Zögern die Gelegenheit nutzt, Daniela Dahn zu befragen, stellt ein Zuhörer dem Wort Lückenpresse sein Lob der freien Presse entgegen.

Erkennen wir unseren Zustand! verabschiedet sich Daniela Dahn frei nach Brecht. Viel Beifall.

Daniela Dahn rechnet mit der Einheit ab

Fotos: Holger John / VIADATA

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