Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Okt. 27 2017

„Frankreich muss man lieben, um es zu verstehen“ - Ulrich Wickert bei der Herbstlese und dem Institut français Erfurt

Freund und Kenner der Franzosen

Da bin ich mal wieder, kommentiert Ulrich Wickert seinen fünften Auftritt bei der Herbstlese.
Da bin ich mal wieder, kommentiert Ulrich Wickert seinen fünften Auftritt bei der Herbstlese.

Von Sigurd Schwager

Das Erfurter Kabarett „Die Arche“ ist dafür zu rühmen, dass es mit seiner jüngsten Premiere an Kurt Tucholsky (1890-1935) erinnert und aus dessen blitzgescheiten, hellsichtigen Texten eine abendfüllende Revue gestaltet. Darin, um nur ein Beispiel zu nennen, gibt es einen schönen Kabarett-Satz für das Jahr 2017, den Tucholsky im Jahr 1931 in der „Weltbühne“ schrieb: „Neben den Menschen gibt es noch Sachsen und Amerikaner.“

Auch Ulrich Wickert hat jetzt bei Tucholsky nachgeschlagen und fand den vor knapp 100 Jahren formulierten Gedanken: „Den Deutschen muss man verstehen, um ihn zu lieben; den Franzosen muss man lieben, um ihn zu verstehen.“ Wickerts jüngstes Buch heißt nun „Frankreich muss man lieben, um es zu verstehen“. Er präsentiert es zur Erfurter Herbstlese.

Natürlich ist das Atrium der Stadtwerke bestens gefüllt. Damit man ihn auch in den hinteren Reihen gut sehen kann, wird extra eine (vom Publikum mit Beifall quittierte) Leinwand aufgebaut. Ulrich Wickert, 74, ist im Übrigen ein Phänomen. Denn obwohl er sich schon vor mehr als elf Jahren als „Mister Tagesthemen“ vom Bildschirm verabschiedete, verblasst seine Popularität scheinbar überhaupt nicht. Man darf wohl vermuten, dass all die Leute auch dann ins Atrium gekommen wären, wenn er kein neues Werk mitgebracht hätte.

„Da bin ich mal wieder“, sagt Wickert und lächelt in die große Runde. Es ist sein fünfter Herbstlese-Auftritt. Er wird gern eingeladen, und er lässt sich gern einladen. Die Sympathie beruht auf Gegenseitigkeit. Der Mann, der lange Jahre für die ARD aus Frankreich berichtete, ist ein intimer Kenner unseres Nachbarlandes. Zahlreiche Sachbücher künden davon. Und die Krimis, die er auch schreibt, spielen selbstverständlich in Frankreich.

Monsieur Wickert, Offizier der Ehrenlegion, liest zunächst den Prolog, handelnd von einem Essen im Hamburger Hotel Atlantic am Abend des 22. September 2014. Und vor allem handelnd von einem jungen Mann, dessen Bewunderer er werden wird. Wickert sitzt Emmanuel Macron gegenüber, dem zukünftigen Präsidenten Frankreichs. „Niemand kannte diesen jungen Mann so recht, der einen Monat zuvor von Präsident Hollande zum Wirtschaftsminister ernannt worden war. Und kein Mensch konnte seinen märchenhaften Aufstieg vorhersehen. Ich vermute, auch er selbst nicht . . . Emmanuel Macron hatte noch nie ein politisches Amt inne, hatte nie für ein Amt kandidiert . . .“

Wickert erzählt an diesem Abend auch eine seiner Lieblingsanekdoten, jene von einem Bauer, der zur Zeit der Revolution gefragt wird, ob er für die Republik sei. Er antwortet: „Natürlich bin ich für die Republik, Hauptsache Napoleon ist König.“ Wickert erinnert sich noch, wie Francois Mitterand 1988 auf diese Anekdote reagierte. Der Präsident habe damals gelacht und gesagt: „Ja, so sind sie, die Franzosen.“

Ja, so sind sie, die Franzosen - so könnte man das Buch und den Herbstlese-Abend zusammenfassen. Weit in die Geschichte zurückgehend, um am Ende wieder bei Macron, bei Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und bei der Revolution Europas zu landen, bemüht sich Ulrich Wickert um eine Art Sittengemälde unseres westlichen Nachbarn. Die Zustandsbeschreibung ist trotz mancher Kritik getragen von großer Zuwendung.

„Vom Selbstbewusstsein einer Nation“ führt das Buch über „Liebe a la français“ zur finalen Frage „Vive l`Europe?“ Was die französische Frau ausmacht und was den Mann, wird thematisiert und mit gehobenem Klatsch und Tratsch abgeschmeckt. Nicht fehlen darf schließlich die französische Küche, das Weltkulturerbe. Erbe-Antragsteller war ausgerechnet Nicolas Sarkozy, „Speedy Sarko“.

Als Barak Obama am 6. Juni 2009 sein Gast ist, wird mittags der Geschwindigkeitsrekord für ein Essen zweier Staatschefs aufgestellt. Das Protokoll gibt für das wochenlang akribisch vorbereitete Menü vor, dass alle drei Gänge, beginnend mit dem Hummer, innerhalb von 15 Minuten serviert werden müssen. Nach nur 12 Minuten erheben sich Obama und Sarkozy. Ein denkwürdiges Mittagessen.

„Zwölf Minuten für ein Menü aus drei Gängen“ seufzt Wickert und schlägt sein Buch zu.
Die 100 Minuten sind wie im Zwölf-Minuten-Tempo vergangen. Langer Beifall für den Frankreich-Erklärer Wickert. Und die Hoffnung bleibt: Es möge nicht das letzte Mal gewesen sein, dass er dem Erfurter Herbstlese-Publikum einen angenehmen Abend und eine geruhsame Nacht wünscht.

Ulrich Wickert im Atrium der Stadtwerke

Fotos: Holger John

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