Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Okt. 02 2015

Rolf Schneiders Blick auf Erfurts Historie und Gegenwart

Geschichte und Kommerz

Rolf Schneider während der Lesung in der ausverkauften Buchhandlung Hugendubel. Foto: Uwe-Jens Igel
Rolf Schneider während der Lesung in der ausverkauften Buchhandlung Hugendubel. Foto: Uwe-Jens Igel

Rolf Schneider wundert sich. In einer Zeit allgegenwärtiger Rankings darf auch das der schönsten Städte Deutschlands nicht fehlen. Allein, während es Heidelberg, Görlitz oder gar Schwäbisch Gmünd fast mühelos schaffen, auf die Bestenliste zu gelangen, bleibt Erfurt der virtuelle Eintrag verwehrt. Merkwürdig, findet der 83-Jährige Schriftsteller, und macht sich mit „Erfurt – Ein Spaziergang durch Geschichte und Gegenwart“ auf die Suche nach Gründen für die Nichtachtung. Jetzt stellt er seine Erkenntnisse in der vollbesetzten Buchhandlung Hugendubel vor.

Mit Bedacht wählt er dabei einen vorsichtigen Einstieg in den Abend. Er sei ein Sympathisant, ein Freund der Thüringer Landeshauptstadt. Deren Ruf in der Welt erscheint ihm unterestimiert, daher der Impuls zum Schreiben. Auf keinen Fall will er sich aber mit der tiefen Kenntnis der versammelten Erfurter messen; man möge ihm den Blick eines Außenstehenden gönnen.

Nun ist das mit den Erfurtern, zudem denen, die ihre Stadt lieben, so eine Sache. Lobpreisungen werden gern angenommen, mit Kritik tut man sich an der Gera traditionell eher schwer. Mag sein, dass die Jahrhunderte andauernde Fremdbestimmung und Vorziehung kleinerer Städte in der Nachbarschaft tiefere Spuren im kollektiven Gedächtnis hinterlassen haben, anders ist das missmutige Gegrummel gleich zu Beginn nicht zu verstehen. Denn Rolf Schneider wagt die These, dass, „wenn von wichtigen Besucherzielen Thüringens die Rede ist, eher die Namen Weimar, Gotha und Eisenach fallen".

Um Gotteswillen, was tut er da? Die kleine Abweichung zum Buch, wo von Gotha nichts zu lesen ist, rettet den Freund nicht. Wie kann er nur die Stadt an der Ilm über das an Türmen reiche Erfurt erheben? Zum Glück erzählt er nicht noch, dass an der Saale der bessere Fußball gepflegt wird . . .

Überhaupt stößt seine Erklärung für die Nichtberücksichtigung Erfurt in der Gemeinschaft von Deutschland schönsten Städten auf wenig Gegenliebe. „Wer als Erfurt-Besucher aus dem Bahnhof tritt, stößt auf politische Geschichte und Kommerz. Beides prägt die Stadt auch sonst und macht die Ästhetik zu einem Beiwerk.“ Bamm, das sitzt. Aber Rolf Schneider legt sogar noch nach. „Der Umstand, dass Erfurt in den (. . . ) Rankings nicht vorkommt, dürfte hier seine Ursache haben.“ Peng.

Der Unmut des Auditoriums richtet sich nach innen. Ab jetzt hat es der Vorlesende schwer. Da mag er loben und preisen, Luther bemühen und Willy Brandt, den Mystiker Meister Eckhart, den hiesige Straßenschilder Eckehart heißen, und wen und was  die Stadt noch alles für sich in Anspruch nimmt, der Blick nach vorn bleibt angespannt, die Ohren gespitzt. Und so werden Fehler gleich halblaut berichtigt, etwa der Spruch auf dem Erfurter Hof. „Willy Brandt ans Fenster“, murmelt eine Dame. Der Autor hatte das „ans“ weggelassen. Ob er eine Ahnung hat von dem Streit, den die vier Worte in Erfurt einst auslösten? Der Pein, die der Künstler erdulden musste? Wahrscheinlich nicht, er wäre gewarnt gewesen.

Dabei ist Rolf Schneider ein liebevolles Büchlein gelungen. Gut, nicht alles hält dem stand, was die Stadtführer so zu erzählen haben. Aber hier darf durchaus das Motiv zählen: Die Abfassung einer schönen Schrift über eine schöne, eine stolze Stadt.

Ein wenig versöhnt der Abschluss Autor und Auditorium. Die Frage nach seinen drei Lieblingsplätzen beantwortet Rolf Schneider gern. Da sind das Augustinerkloster, der Mariendom und der Fischmarkt. Eine Auswahl, mit der die meisten Zuhörer gut leben können.

Eine Kritik bringt dann Herbstlese-Programmchefin Monika Rettig doch noch an. Dem Buch fehlt der Verweis auf die gute Schokolade der Stadt. Damit das nicht wieder passiert, gibt es als Dank für einen interessanten Abend Brückentrüffel von Goldhelm für Rolf Schneider. Die hat er sich, für seinen mutigen Blick von außen auf Krämerbrücke & Co. und alle, die unter den Dächern dieser einmaligen wie einzigartigen Stadt leben, ja auch redlich verdient.

Rolf Schneider über Erfurts Historie und Gegenwart

Fotos: Uwe-Jens Igel

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