Erfurter Herbstlese

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März 12 2015

Das gibts in keinem Russenfilm - aber bei Thomas Brussigs Lesung in der Buchhandlung Hugendubel

Hüpfen auf der Stelle

Verwirrspiel mit sich selbst: Thomas Brussig, der echte, schreibt über den erfundenen Thomas Brussig. Übereinstimmungen können da nicht zufällig sein.
Verwirrspiel mit sich selbst: Thomas Brussig, der echte, schreibt über den erfundenen Thomas Brussig. Übereinstimmungen können da nicht zufällig sein.

Durch Thomas Brussigs neuen Roman geistern zwei Ideen. Die DDR hat sich vor 25 Jahren nicht verabschiedet, sie macht einfach weiter, ist die eine. Die Lebensgeschichte eines mehr oder wenigen erfunden Schriftstellers mit Namen Thomas Brussig ist die andere. Kontrafaktisch heißt die Erzählweise, das Genre ließe sich als fiktive Autobiografie bezeichnen. Ein unverschlüsselter Schlüsselroman, sozusagen. Oder, wie es in der vor einem Vierteljahrhundert verschwundenen Republik hieß: „Das gibts in keinem Russenfilm“.

Das klingt ein wenig kompliziert, und die Kritik tut sich mit dem Werk vielleicht auch daher schwer. Der Autor beklagt deshalb zu Beginn seiner Erfurter Lesung auch ein wenig das Unverständnis „der großen Blätter“. Die seien aber bei Hugendubel zum Glück nicht anwesend, man quasi unter sich. Ergo brauche er keine große Erwartungen erfüllen, endlich den einen, den alles erklärenden DDR-Roman vorzulegen. Nein, Thomas Brussig macht, was er am besten kann: Seinem Publikum lustige Geschichten erzählen.

Die wollen die Leute auch hören. Und lustig kann das schon sein, wenn man bei der Lektüre oder beim Zuhören auf bekannte Namen trifft. Auf Alexander Osang als ND-Chefredakteur etwa, oder auf Gregor Gysi, der eines Tages Egon Krenz als Generalsekretär beerbt. Angela Merkel ist als Trauzeugin des fiktiven Brussigs zu erleben, Ingo Schulze als Literatur-Nobelpreisträger und Udo Lindenberg, na klar, als Udo Lindenberg.

Thomas Brussig hat das mit viel Liebe zum Detail aufgeschrieben. Vieles von dem, was er in den vergangenen Jahren selbst erlebte, findet sich wieder; sein Studium in Babelsberg, die Arbeit an seinen Büchern, für das Fernsehen und die Musical-Bühne. Der Blick auf das ausgedachte Land spiegelt so seine erlebte Wirklichkeit. Die ist, leider wahr, nun oft anders als ideal.

Das Buch trifft den Nerv des Publikums. Es ist ja ist bestimmt nicht die schlechteste Idee, die graue Vergangenheit einfach weg zu lachen. Was passiert, wenn der Autor über die Liebste seines Helden erzählt. Die ist Europameisterin im Seilspringen. „Der DDR-Sportart schlechthin“, wie der echte Thomas Brussig seinen Zuhörern erklärt: „Hüpfen auf der Stelle“. Das Publikum lacht, einer Frau entfleucht ein deutlich hörbares „ach nee“. Es kommt von ganz tief drin.

Eine Lesung ist zu kurz, um alle Irrungen und Wirrungen aufzuzählen, die der fiktive Thomas Brussig erlebt. Die Sache mit dem Allgemeinen Datenkanal etwa, dem Pendant der DDR zum Internet, oder warum die Menschen – und die Partei – plötzlich das Finanzamt mögen. Der echte Autor verweist bei der Lesung also auf sein Buch und bittet um Fragen.

Warum er sich dieses Verwirrspiel mit den zwei Brussigs angetan habe, möchte eine Zuhörerin wissen. „Alles andere“, darauf der Autor, „wäre feige gewesen“.

Thomas Brussig

Fotos: Holger John

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