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Erfurter Herbstlese
Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Jan. 30 2019

Neues vom Dichterpaar: Erwin Berner und Angelika Neutschel lesen aus dem frühen Briefwechsel von Eva und Erwin Strittmatter

Ich und Ich

Angelika Neutschel stellte mit Erwin Berner den Briefwechsel der Strittmatters in Erfurt vor.
Angelika Neutschel stellte mit Erwin Berner den Briefwechsel der Strittmatters in Erfurt vor.

Von Sigurd Schwager

 

Auf seiner letzten großen Lesereise besuchte Erwin Strittmatter 1993 auch Erfurt. Die Veranstaltung war natürlich ausverkauft und die Schlange beim anschließenden Signieren von außerordentlicher Länge. Im Jahr darauf, am 31. Januar 1994, starb der Schriftsteller.

Fast auf den Tag genau ein Vierteljahrhundert später, das Jubiläum lässt grüßen, ist Strittmatter wieder präsent in Erfurt: Erwin Berner, der älteste Sohn des bekannten Dichterpaares Eva und Erwin Strittmatter, stellt auf Einladung der Herbstlese den Briefwechsel seiner Eltern vor, den er mit Ingrid Kirschey-Feix im Strittmatter-Hausverlag Aufbau herausgegeben hat.

Berner ist kein Herbstlese-Unbekannter. Schon einmal, zur Frühlingslese 2016, war Erwin Strittmatter Junior hier zu Gast. Damals las er aus seinen bitteren Erinnerungen an den Vater, an das für Kinder schwer bis kaum zu ertragende „System Schulzenhof“. In Briefform erzählt sein Buch davon auf berührende Weise. Kein einziger Stuhl blieb vor drei Jahren bei der Lesung in der Buchhandlung Hugendubel frei.

Nicht anders sieht es im Winter 2019 im Kultur: Haus Dacheröden aus. Wieder ausverkauft, und die Damen sind wieder sehr deutlich in der Überzahl. Der Name Strittmatter zieht noch immer. Der Berichterstatter vermutet, dass er bei weitem nicht der einzige im Saal ist, der schon 1993 und auch 2016 in Erfurt mit dabei war.

„Du bist mein zweites Ich“ heißt das neue Strittmatter-Buch, das tatsächlich neu ist. Denn es erfreut die belesene Anhängerschaft mit bislang Unveröffentlichtem von Eva und Erwin Strittmatter: ihrem Briefwechsel aus den Jahren 1952 bis 1958. Erwin Berner erzählt in Erfurt, dass seine 2011 verstorbene Mutter eine solche Publikation seit langem geplant hatte, sie aber leider nicht mehr verwirklichen konnte. Nun sei er froh, ihren Wunsch erfüllt zu haben. Der Strittmatter-Sohn berichtet von den Schwierigkeiten beim Ordnen und Lesen der Briefe. Mutters Geheimschrift sei schwer zu entziffern, doch am Ende seien nur wenige Wörter für immer im Dunkeln geblieben. An ein paar Briefen hätten der Zahn der Zeit und die Schulzenhofer Mäuse genagt.

Aber, betont Berner in Erfurt, der Fluss der Sätze, der Worte der Eltern stimme. Und je mehr er die Briefe der Mutter enträtseln konnte, desto deutlicher habe sich ihm offenbart, dass sie Vaters Briefen stilistisch gewachsen durchaus sind. Man sieht ihm an, dass ihn das freut, und vernimmt das Fazit des Sohns und Herausgebers in Erfurt: „Ich bin sehr glücklich damit.“

Eva Wernitz und Erwin Strittmatter lernen sich Anfang 1952 kennen. Sie ist 22, hat einen kleinen Sohn, lebt in Scheidung und arbeitet für den DDR-Schriftstellerverband. Er ist 39, hat vier Söhne aus zwei Ehen und sich bereits einen Namen als Schriftsteller gemacht. Drei Wochen nach der ersten Begegnung treffen sich die beiden auf einer Tagung junger Autoren in Potsdam wieder und kommen sich näher „So geschehen in der Nacht vom 23. zum 24. Februar 1952.“

Was Erwin zwei Tage später in Spremberg zu Papier bringt, eröffnet den Reigen der Briefe im Buch und beginnt so: „Eva! Ob ich Dir wirklich schreiben soll? Deine Zustimmung beim Abschied war nicht sehr ermunternd...Schon jetzt könnte der Brief beendet sein, denn er soll Dir eigentlich nur sagen, daß ich an Dich denke..."

Und Eva, die sich von dem Brief „beglückt“ wähnt, antwortet am 29. Februar aus Berlin: „Lieber Erwin! Ob die Stärke eines Wunsches seine Erfüllung herbeizwingt?“ 163 Briefe, 112 von Erwin, 51 von Eva, sind im Buch dokumentiert, der letzte datiert vom 19. Juni 1958. Warum er gerade diesen Zeitabschnitt ausgewählt habe? Die Korrespondenz der Eltern, sagt Sohn Erwin, sei in den ersten Jahren ihrer Beziehung am intensivsten gewesen. Allein 1952 hätten sie insgesamt 76 Briefe gewechselt.

Was all diese postalischen Worte erzählen? „Für mich ist es eine große Liebesgeschichte.“ Zudem spüre man beim Lesen der Briefe eine gewisse Aufbruchstimmung der 50er Jahre. Der geneigten Leserschaft empfiehlt er: „Wer mehr wissen möchte über das Leben der Strittmatters nach 1958, der lese Vaters Tagebücher ‚Nachrichten aus meinem Leben‘ und ‚Der Zustand meiner Welt‘, oder der lese Mutters ‚Briefe aus Schulzenhof‘“.

Auf der aktuellen Lesereise mit den Briefen der Eltern wird Erwin Berner von der Schauspielerin Angelika Neutschel begleitet. Das eingespielte Duo präsentiert eine Strichfassung des Buches und liest im Kultur: Haus Dacheröden gut eine Stunde lang mit verteilten Rollen Passagen aus den Briefen. Einige knappe Erklärungen dienen dabei dem besseren Verständnis in Raum und Zeit.

Auch das den Titel liefernde Wort des Vaters vom 15. Juni 1952 trägt Erwin Berner dem Erfurter Publikum vor: „Ich danke Dir, ich danke Dir und will es gern mit allem lohnen, was ich bin und was ich durch Dich noch werden kann. Du bist mein zweites Ich.“

Man wird mitgenommen auf eine Zeitreise in die DDR der 50er Jahre und auf eine große Wortreise in das Reich der Liebe, die das Herz ergreift. Aber gehört oder gelesen mit dem heutigen Wissen, sind es auch Erinnerungen an die Zukunft, an das System Schulzenhof. Schon in den frühen Briefen Erwin Strittmatters scheint auf, dass es letztlich nur um ihn und sein literarisches Werk geht, dem sich alles unterzuordnen habe. Als Eva schwanger wird, gefällt ihm das nicht. Es wirkt beklemmend, wenn Sohn Erwin, der 1953 geboren wird, 2019 in Erfurt davon spricht, wie wenig willkommen er dem Vater war.

Der Beifall für die beiden Lesenden, für Angelika Neutschel und Erwin Berner, ist herzlich und lang. Der Strittmatter-Sohn bittet um eine kurze Zigarettenpause. Dann signiert er den Briefwechsel seiner Eltern.

Ich und Ich im Kultur: Haus Dacheröden

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