Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
April 11 2018

Politischer Salon im Kultur: Haus Dacheröden: Biograf Neffe trifft auf Staatskanzleichef Hoff

Marx und kein Ende

Biograf der wirklich Großen: Jürgen Neffe legte bereits hochgelobte Bücher über Einstein und Darwin vor.
Biograf der wirklich Großen: Jürgen Neffe legte bereits hochgelobte Bücher über Einstein und Darwin vor.

Von Sigurd Schwager

Deutschland sucht den Superstar, und die Süddeutsche hat ihn jenseits des Boulevard bereits gefunden: „Karl Marx Superstar“.

In der Tat: An diesem Mann, der am 5. Mai ein Zweihundertjähriger sein wird, führt 2018 kein Weg vorbei. Marx-Publikationen fluten Buchhandlungen und Bibliotheken, dringen vor auf Bestsellerlisten. Marx-Vorlesungen und Comeback-Debatten sind bestens besucht. Zeitungen, Radio, Fernsehen haben sich längst warm gelaufen für das Jubiläum.

In Trier, wo Marx inzwischen sogar schon als Ampelmännchen rot-grünen Dienst schiebt, wird sein Geburtshaus renoviert und mit einer neuen Dauerschau bestückt. Eine große Landesausstellung füllt gleich zwei Museen. „Wir sind Marx!“ ruft das Volk und „MoneyFest!“ das Kapital. Natürlich gibt es Marx-Card, Marx-App und Marx-Sonderbriefmarke.

Auch das sächsische Chemnitz, das mal Karl-Marx-Stadt hieß, hat seinen kleinen Marx-Boom. Die größte Attraktion der örtlichen Sparkasse ist ihre schmucke Kreditkarte, die ein Marx-Kopf ziert, der monumentale "Nischel" von Lew Kerbel. Keine Motiv-Karte kommt besser bei den Bankkunden an als diese.

Bei so viel Marx allerorten steht die Erfurter Frühlingslese nicht nach. Eingeladen hat sie Jürgen Neffe, und das ist eine ziemlich gute Wahl. Denn der Autor legt eine dicke, äußerst kurzweilige Marx-Biografie vor, die seinen ohnehin schon exzellenten Biografen-Ruhm (Einstein, Darwin) noch weiter festigt. Völlig zu Recht wird er dafür von (beinahe) allen Rezensenten mit Lob überschüttet.

Der scharfe Kritikergeist Denis Scheck mutiert zum Hymniker: Meisterdenker Marx habe in Neffe seinen Meisterbiografen gefunden. Das Buch sei wie ein Blitzschlag hellster Erkenntnis. Jürgen Neffe erkläre überzeugend, warum wir Karl Marx brauchen, wenn wir unser Leben heute verstehen wollen. Fazit: „Auf dieses Buch hat die Welt gewartet!“

Kein Wunder also, dass Neffe als Ehrengast an den offiziellen Marx-Feierlichkeiten in Trier nicht nur teilnehmen, sondern dort auch das manifestliche Wort ergreifen wird. Doch zuvor erlebt ihn nun das zahlreich erschienene Erfurter Publikum im Hause Dacheröden, welches sich, so viel Zufall muss sein, unweit vom hiesigen Karl-Marx-Platz befindet.

 Jürgen Neffe, geboren 1956 in Herne, promovierter Biochemiker, Wissenschaftsjournalist, Reporter, Kolumnist und Korrespondent, bedankt sich artig für den freundlichen Empfang, lobt Erfurt als „Perle des Ostens“, wähnt sich lächelnd „in gewisser Weise in Feindesland“, bittet den Arm hoch, wer aus dem Westen sei, zählt eine Handvoll, nickt zufrieden und zitiert aus einem nicht sonderlich freundlichen Brief, den ihm ein Leipziger geschrieben hat.

Dann schlägt Neffe seinen vollendeten Wälzer „Marx. Der Unvollendete“ auf und liest Teile des Prologs. Dieser ist überschrieben mit „Marx und kein Ende“ und beginnt im Norden von London auf dem Friedhof von Highgate. „Man kann diese Geschichte auch anders erzählen. Vom Denkmal her etwa, das seine letzte Ruhestätte überragt. (...) Vom übermannshohen Sockelblock aus graumeliertem Granit schaut, wie zur Demonstration menschlicher Unsterblichkeit, grimmig ein wuchtiger Bronzekopf auf die übrigen Gräber und die unablässig vorbeiziehenden  Besucher herab...“
Wer das Buch schon gelesen hat, wird gern bestätigen: Mit seiner schönen Sprache und lebendigen Gedankenklarheit gibt der Prolog ein Versprechen, das bis zum letzten Satz und bis zum letzten Wort eingehalten wird. Jenes Versprechen, dass Anspruch und  Verständlichkeit bei diesem Autor auf das Erfreulichste harmonieren und dass es sich lohnt, wieder einmal das Denken in Widersprüchen zu üben.

Neffe, man merkt es auch an diesem Erfurter Abend, bewundert Marx, aber er betreibt keine Heiligsprechung. Er zeigt ihn als Mensch aus Fleisch und Blut, der nicht immer treu, aber nie treulos ist, der zeitlebens nicht mit Geld umgehen kann. Wir begegnen einem Staatenlosen, einem Flüchtling.

Andererseits: Welcher Philosoph, so Neffe, habe je so tief in die Ökonomie geblickt, welcher Ökonom so philosophisch gedacht und so literarisch geschrieben wie Karl Marx?  Ihm fällt kein anderer Name ein, dem Publikum auch nicht. Neffe zitiert aus der Abschiedsrede, die Friedrich Engels am Grab des Freundes vor nur kleiner Trauergemeinde hält, den berühmten Satz: „Sein Name wird durch die Jahrhunderte fortleben und so auch sein Werk.“

Der Frühlingslese-Gast unterbricht das Lesen immer wieder durch freies Erzählen, das an das Vorgetragene anknüpft. Er erinnert an 1993, an den 175. Marx-Geburtstag, und an die Schlagzeilen: „Marx ist tot“. Für den Zeitgeist ist Marx gescheitert, abgehakt, tot, mausetot, vergessen, vergessen für immer. Etwas Besseres, vermutet Neffe, hätte Marx damals nicht passieren können. Er brauchte die Jahre, um den Fluch abzuschütteln, der sich mit seinem Namen verbunden hatte. „Die scheinbare Totenstarre“, so Neffe, „erwies sich indessen als Puppenstadium in der Metamorphose eines Untoten.“

Lange dauert es nicht. Am Ende des 20. Jahrhunderts verkünden die ersten großen Blätter seine Rückkehr, stellen die Frage: Hatte Marx vielleicht doch recht? Die Briten küren Marx zum bedeutendsten Denker des Milleniums, die Unesco erhebt das Kommunistische Manifest und den ersten Band des Kapitals in den Stand des Weltkulturerbes.

 „Totgesagte leben bekanntlich länger“, schreibt und sagt Neffe, „und Totschweigen hat Vordenker von seiner Größe noch selten dauerhaft zum Verstummen gebracht. Spätestens seit Ausbruch der heutigen Finanzkrise ist sein Name wieder in aller Munde – nun aber wie in einem Fegefeuer gereinigt vom Geruch der ‚Schwefelbande‘, als deren Anführer er sich eine Zeitlang verrufen sah.“

Gefragt, was man von Marx am wenigsten lernen könne, antwortet Neffe: Wie man Revolutionen macht.

Auf den mit viel Beifall bedachten Leseteil am Pult folgt in Erfurt ein Gespräch zwischen Jürgen Neffe und Benjamin-Immanuel Hoff, dem Kulturminister und Chef der Thüringer Staatskanzlei. Gestritten wird dabei nicht, denn der Linke-Politiker sieht ebenso wie Denis Scheck im Gegenüber einen Meisterbiografen. Es ist nicht zu übersehen und zu überhören: Da unterhalten sich zwei auf Augenhöhe über das Kommunistische Manifest, das Kapital und die Marxsche Modernität. Zu Recht verwenden sie viel Zeit und viele Gedanken für Jenny Marx, der „bestmöglichen Frau“. Im Buch findet sich dazu unter anderem das wunderbare Kapitel „Being Jenny Marx. Das Drama der begabten Gattin“.

Nicht unerwähnt soll bleiben, dass Hoff zum Gelingen des interessanten Abends auch dadurch beiträgt, dass er das Publikum, dessen Fragen sehr erwünscht sind, höflich darum bittet, von Ko-Referaten abzusehen. Und so geschieht es dann auch, und alle haben etwas davon. Viel Beifall am Ende für einen Politischen Salon im besten Sinne.

Jürgen Neffe im Kultur: Haus Dacheröden

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