Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Nov. 02 2016

Der niederländische Autor Leon de Winter stellt seinen Roman „Geronimo“ im Collegium Maius vor

Osama bin Laden und Johann Sebastian Bach

Leon de Winter ist ein streitbarer Autor, über dessen Bücher trefflich gestritten ist. Ohne Zweifel ist er aber ein begnadeter Vorleser.
Leon de Winter ist ein streitbarer Autor, über dessen Bücher trefflich gestritten ist. Ohne Zweifel ist er aber ein begnadeter Vorleser.

Von Sigurd Schwager
 

Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen. Der alte Goethe fällt einem ein, wenn man das Durcheinander der Kritikerstimmen vernimmt, die erzählen, was ihnen Leon de Winters neues

Buch gebracht habe. Manchem Erbauung, manchem das Gegenteil.

„Geronimo“, schreibt der eine, sei berührend, nein Kitsch, urteilt der andere; vergnüglich, nein zahnlos; unfassbar spannend, nein lustlos erzählt; fabelhaft, nein voll kruder Points; meisterhaft, nein einen unguten Geschmack hinterlassend; ein starker Roman für die Gegenwart, nein verstaubte Genreliteratur.

Dazwischen findet man Vergleiche von John le Carré bis „Homeland“ und die Bildbeschreibung vom Autor, der im Falle von „Geronimo“ gewissermaßen mit Medizinbällen jongliere.

Man merkt also, hier handelt es sich um einen ziemlich interessanten Roman.

Wer Leon de Winter und seine Bücher kennt, den wird das nicht weiter wundern. Denn er hat die kühne, die spektakuläre Szenerie in seinen Werken nie gescheut. Nach Herman van Veen und Arnon Grünberg ist er der dritte prominente Niederländer, der der Erfurter Jubiläums-Herbstlese seine Aufwartung macht. Programmchefin Monika Rettig begrüßt ihn im Collegium Maius als einen der bekanntesten und streitbarsten Autoren seines Landes.

Leon de Winter stellt dem sehr zahlreich und mit großer Neugier erschienenen Publikum ein besonders verwegenes Stück Literatur, einen spannenden Politthriller vor. „Geronimo“ ist kein Buch über den berühmten Apachen-Häuptling. Der Titel bezieht sich auf nahe Geschichte, auf das Codewort, das die Männer der Elitetruppe Seals Team 6 in das Lagezentrum von US-Präsident Barak Obama durchgeben sollen, wenn sie Osama bin Laden gefunden haben.

Das geschieht am 2. Mai 2011. Der Terrorchef wird aufgespürt und getötet. An diesem Punkt setzt die beträchtliche literarische Fantasie von Leon de Winter ein. Für ihn nämlich ist der Tote nicht tot. Bin Laden lebt und wird festgenommen. Der Gefangene wiederum hat Beweismaterial, das den US-Präsidenten erpressbar machen könnte.

Wichtigste Personen im Figuren-Ensemble sind neben Osama bin Laden der Amerikaner Tom Johnson und das afghanische Mädchen Apana, das durch den ehemaligen CIA-Agenten Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationenn kennen und lieben lernt. 

Im Spiel von Glenn Gould. Wegen dieser Liebe zur Musik von Bach hacken ihr Taliban Hände und Ohren ab. Die verstümmelte Apana wird auf der Straße von einem Mann entdeckt, der Mitleid hat und sie mitnimmt: von Osama bin Laden.

Leon de Winter, der für das Vorlesen seine Brille absetzt, trägt in Erfurt aus dem nicht unkomplizierten Handlungsgeflecht drei Passagen vor. Als vergnügliche Draufgabe gibt es ein paar Sätze aus der „Geronimo“-Originalausgabe. Nicht nur dabei merkt man, dass der Autor - wie so mancher seiner Landsleute - ein Showtalent ist. Gepaart mit einer stark ausgeprägten Meinungsfreudigkeit ergibt das einen lebhaften und, gemessen am Thema, in Teilen erstaunlich heiteren Abend.

Zu dessen Gelingen trägt Karsten Jauch, Redakteur der Thüringer Allgemeinen, als kundiger Gesprächspartner viel bei. Das Publikum erfährt einiges über die Entstehungsgeschichte des Buches sowie über Bach und die Vollkommenheit seiner Musik. Sein Buch, sagt de Winter, bewege sich von Osama bin Laden hin zu Johann Sebastian Bach. Das sei ein schwieriger Weg.

Ob er denn selbst an Verschwörungstheorien glaube, fragt der Moderator den Autor. Normalerweise nicht, antwortet dieser, um dann lächelnd hinzuzufügen: Aber er habe angefangen, seine eigene Verschwörungstheorie zu glauben. Er zitiert den Satz, den eine der Romanfiguren spricht: Nichts ist wahnwitziger als die Wirklichkeit.

Später, bei den Fragen aus dem Publikum, lautet eine: Wie können Sie sicher sein, dass die Quellen Ihres Buches wahrhaftig sind? Er wisse es nicht, antwortet der Schriftsteller.  Es gehe nicht um die Wahrheit. „Geronimo“ sei keine Dokumentation, keine Rekonstruktion eines Moments der Geschichte, sondern ein Roman. „Ich bin nur ein Geschichtenerzähler.“

Und was für einer! Der Beifall ist lang und herzlich. Er bezieht die Dame von der niederländischen Botschaft mit ein, die der Herbstlese dankt und verspricht, ihr Lande werde auch weiterhin den Erfurter Lese-Reigen unterstützen.

Leon de Winter im Collegium Maius

Fotos: Holger John

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