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März 29 2019

Wlada Kolosowa liest aus ihrem Debütroman "Fliegende Hunde"

Die Stunde der Siegerin

Die Gewinnerin des Debütantensalons der Herbstlese 2018: Wlada Kolosowa bei der Frühlingslese
Die Gewinnerin des Debütantensalons der Herbstlese 2018: Wlada Kolosowa bei der Frühlingslese

Von Vanessa-Marie Starker (*)

Die Gewinnerin des Debütantensalons der Erfurter Herbstlese 2018 Wlada Kolosowa liest in dem Erfurter Café Franz Mehlhose aus ihrem Debütroman „Fliegende Hunde“.  Oksana und Lena, die in einem tristen Vorort von Sankt Petersburg aufwachsen, teilen alles miteinander: Träume, Sorgen, erste Berührungen. Als Lena mit 16 als Model entdeckt wird, bricht sie die Schule ab und geht nach China. Oksana bleibt allein zurück. Um die Leere zu füllen, taucht sie in eine Online-Community ein, in der Magersüchtige Rezepte aus der Zeit der Blockade Leningrads während des Zweiten Weltkriegs austauschen.

Kolosowa beginnt den Abend mit Oksanas erstem Diättag. Im Internet stößt sie auf die Leningrad-Diät, die besagt, dass am Tag nur so viel gegessen werden darf, wie zur Zeit der Belagerung. Oksana sitzt daher vor einer 125g Scheibe Brot – die als Mahlzeit für den gesamten Tag gedacht ist. Doch schon nach kurzem hat sie die gesamte Scheibe gegessen. Oksana ist neidisch auf ihre Freundin, die sich bisher noch nicht bei ihr gemeldet hat und geht davon aus, dass Lena jetzt in China das Luxusleben eines Models führt.

Nach dem ersten Auszug des Abends, den Kolosowa dem ersten Kapitel entnimmt, macht sie eine kleine Pause um sich mit dem Publikum zu unterhalten. Sie erklärt, dass der Roman aus zwei Perspektiven geschrieben ist – Oksanas und Lenas. Die erste Frage des Abends lautet, ob es die Leningrad-Diät wirklich gibt. Die freie Journalistin verneint und erläutert, dass sie sich diese Radikaldiät nur ausgedacht hat. „Zum Glück“, fügt sie an. Jedoch hat sie in den fast vier Jahren, in denen sie an dem Buch gearbeitet hat, viel recherchiert. Sie berichtet von wirklichen Foren im Internet, in welchen sich Magersüchtige austauschen und einander in ihrer Sucht unterstützen.

Der zweite Auszug berichtet von Lena, die in China bisher nur von Casting zu Casting getingelt ist und endlich ihr erstes Fotoshooting für Pyjamas absolviert. Sie fühlt sich merklich unwohl, muss sich vor mehreren fremden Männern umziehen und wird vom alkoholisierten Fotographen sogar in die Brustwarze gezwickt, „damit sie unter dem Pyjama schön stehen“.Auch für Lenas Rolle als russisches Model in China hat Kolosowa viel recherchiert. Während in europäischen Ländern funktionierende Jugendschutzgesetze herrschen, werden diese in China weniger streng verfolgt. Auch der Weg in die Prostitution ist dadurch nicht unwahrscheinlich.

„China wird auch als 'Modelkindergarten' für russische Mädchen bezeichnet“, klärt sie das Publikum auf, als sie schildert, dass überwiegend 13 bis 16- jährige Mädchen dort hingeschickt werden. Jedoch weist sie auch darauf hin, dass die Eltern es meist nur gut meinen, da die Mädchen so bessere Verdienstmöglichkeiten haben, als in einem kleinen russischen Dorf.Ein weiteres wichtiges Thema ist die Homosexualität. In Russland ist es nicht erlaubt eine homosexuelle Beziehung zu führen und dies steht auch zwischen Lena und Oksana. Deswegen würde es ihren Roman in Russland nicht einfach so zu kaufen geben. „Den gäbe es nur unter der Ladentheke und mit einem großen „ab 18“ Aufkleber“, erklärt Kolosowa.

Magersucht, Modelwahn, Selbstfindung und die große Liebe. Kolosowa sieht ihren Roman selbst ganz klar als eine „coming of age“ Geschichte, die an Jugendliche gerichtet ist und wundert sich selbst darüber, bisher überwiegend erwachsene Leser zu haben.

 

(*) Vanessa-Marie Starker studiert Literatur und Geschichte an der Universität Erfurt. In den Semesterferien absolviert sie ein Praktikum beim Verein "Erfurter Herbstlese". Als „lonelyThougt“ betreibt sie ihren eigenen Blog.

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