Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
April 08 2016

Das Erfurter Publikum springt mit Jakob Hein in „Kaltes Wasser“ – und ist erfrischt und amüsiert

Schelmengeschichten

Jakob Hein vor der Mehlhose,
Jakob Hein vor der Mehlhose,

Von Sigurd Schwager

Lese-Programmchefin Monika Rettig hat recht. Wie immer. Im Erfurter Club Franz Mehlhose den Berliner Schriftsteller Jakob Hein begrüßend sagt sie, Veranstaltungen mit ihm seien immer sehr voll und immer sehr schön. Es folgt: die vergnügliche Bestätigung. Jakob Hein, der Dichter, der Arzt, der Sohn des berühmten Dichters, stellt sein neues Buch „Kaltes Wasser“ vor. Der Verlag nennt das Werk im Klappentext ganz bescheiden einen „grandiosen Schelmenroman“, was man passend zur erzählten Geschichte auch als eine Art charmanter Hochstapelei deuten kann.

Friedrich Bender, Heins in der DDR geborener und aufgewachsener Held, ein Bruder im Geiste von Simplicissimus, Huckleberry Finn, Schwejk oder Felix Krull? Ein Schalk, ein Schelm, ein Hochstapler? Der Autor überlässt es dem Leser, sich darauf seinen eigenen Reim zu machen. Für ihn jedoch, sagt er in Erfurt, sei Fritz Bender kein Hochstapler. Sondern einer, der in seinem Leben immer das mache, was dran sei.

Machen, was dran ist, so hält es auch dessen geistiger Vater mit seiner Lesung und fängt mit dem Buchanfang an: „Mein Leben begann als statistische Ausnahme. Denn nach der geplanten Wunschgeburt von Pia wollten meine Eltern kein Kind mehr haben. Sie waren zu sehr mit ihren Karrieren beschäftigt . . . Mein Vater arbeitete Tag und Nacht an seiner Promotion, meine Mutter war viel beschäftigte Kaderleiterin der Halloren Schokoladenfabrik.“

Statistische Ausnahme bedeutet in dieser Zeit in der DDR: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine sexuell aktive Frau, die regelmäßig Ovosiston einnimmt, im Laufe eines Jahres schwanger wird, liegt bei eins zu hundert. „Diese eine“, so heißt es weiter im Text, „brachte mich am Tag der Republik, dem 7. Oktober 1971, im grünlichen Neonlicht des Kreißsaals 2 des Klinikums Kröllwitz der Stadt Halle an der Saale zur Welt. Und nannte mich Friedrich.“

Jakob Hein, erinnern sich an dieser Stelle kundige Verehrer, ist ebenfalls Jahrgang 1971, allerdings 18 Tage jünger als sein Held, und geboren in Leipzig. Weiter dem heiteren Vorleser Hein lauschend, erfahren die Erfurter Zuhörer im ersten Kapitel „Erforschte Gewässer“ von der ersten schelmischen Vernissage des kleinen Fritz, die auch eine Lebens-Finissage hätte werden können: Als nämlich Schwester Pia, die strebsame Drittklässlerin, von ihren Schwimmkünsten erzählt, prahlt Kindergartenbruder Friedrich, diese auch zu beherrschen.

Weil ihm natürlich niemand glaubt, kommt es eines Sonntags zum ultimativen Test in der Schwimmhalle. Nichtschwimmer Friedrich springt kopfüber ins Wasser – und statt zu ertrinken paddelt er wie ein Hund die ganzen 25 Meter der Bahn. Ins kalte Wasser geworfen. Gewagt und gewonnen. Der Vater ist stolz, die Mutter den Tränen nah, und Pia kocht vor Wut.

Mehr als 200 Seiten weiter, am Ende des Buches im letzten Kapiel "Zur Quelle zurück", wird sich der Kreis in einem Schwimmbad schließen. Das liest Jakob Hein selbstverständlich nicht. Es ist dies schließlich kein Hörbuch-Abend. Der Autor, der auch mit kalkulierter Zerstreutheit und kurzen rauchigen Gesangseinlagen zu erfreuen weiß, wechselt in Erfurt, die DDR überspringend, von Fritzens Geburt und Kleinkindheit in die Volljährigkeit, in der sich der 18-jährige Ostler Friedrich Bender nach dem Mauerfall als Westler bewährt. Aus einem alten ungarischen NVA-Bus, dem 1489546577 Ikarus, macht er mit seinem Freund eine Kneipe mit öffentlichem WC-Anschluss.

Nach dem unausweichlichen Ende der Bus-Erfolgsgeschichte blättert Jakob Hein das Buchkapitel "Scheinwelt" auf. Darin geht um erschwindelte Bescheinigungen, die dem Lebenskünstler Friedrich Bender ein Turbo-Studium ermöglichen. Und vor allem geht es um die schöne Brigitte. Brischid wie Brigitte Bardot, eine französische Studentin aus Lille. „Sie hatte einen kenntnisreichen Körper, bewegliche Hände, einen gierigen Mund, und sie erwartete viel von ihrem Gegenüber.“

Auch dieses Glück ist im Auf und Ab des Leben nicht von langer Dauer. „Am Samstag vor ihrer Abreise“, liest Jakob Hein, „packte Brigitte die Koffer, wir gingen noch einmal ins Magdalena und trieben es danach mit heiligem Ernst in Flur, Küche und Bad.“ Dann ist die Lesung auch schon wieder vorbei. Leider. Das Publikum applaudiert fröhlich.

„Sie haben mir zu einem schönen Abend verholfen“, dankt Jakob Hein, steckt Buch und Trinkflasche in einen Leinenbeutel und geht zum Signiertisch. Zuhörer verabschieden sich voneinander. Bis bald! Man sieht sich wieder zur Frühlingslese – spätestens in acht Tagen beim Vater von Jakob Hein.

 

Jakob Hein in der Mehlhose

Fotos: Holger John

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