Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Jan. 29 2015

Lutz Seiler in der Gedenkstätte Andreasstraße

Schiffbrüchige des Lebens

Lutz Seiler hatte sichtlichen Spaß während der Erfurter Lesung seines Erstlings-Romans "Kruso".
Lutz Seiler hatte sichtlichen Spaß während der Erfurter Lesung seines Erstlings-Romans "Kruso".

                       Von Sigurd Schwager
 

Ausgerechnet Lutz Seiler!
Natürlich Lutz Seiler!

In der Tat hätte die Erfurter Herbstlese ihren Veranstaltungsreigen 2015 nicht besser beginnen können. Denn kein lebender Dichter deutscher Zunge wurde in jüngster Zeit von der Kritik so einhellig und so hymnisch gefeiert wie Lutz Seiler für sein Romandebüt "Kruso". Knapp ein halbes Tausend Seiten Magie der Sprache, Magie der Poesie.

Der Mann, schon länger ein Lyriker von Rang, steht nun nach dem Überschreiten seiner Lebensmitte auch in der Reihe der großen Erzähler. Und da der Deutsche Buchpreisträger 1963 in Gera geboren wurde, sei die kleine Heimat-Tümelei gestattet, sich über einen weiteren Thüringer Sprachartisten der Extraklasse freuen zu dürfen. Für Lutz Seiler selbst mag die schon seit Wochen ausverkaufte Lesung in der Gedenkstätte Andreasstraße aus ganz anderem Grunde ein wahres Heimspiel sein: In der ersten Reihe sitzen seine Eltern.

Lutz Seiler beginnt seine Buch-Lesung auf Seite 88: „Irgendwann in der Nacht verstummte das Rauschen. Die Brandung stand still. Der Wald stand still. Das Nebelhorn tönte . . .“ Das Publikum lauscht dem Klang der Worte. Vorgetragen ist der Sog von Seilers Sprache noch viel mächtiger als beim stillen Lesen daheim.

Aber man täusche sich bei allem Wohllaut nicht. Der Autor dieser Zeilen bestätigt aus eigener Erfahrung: Das Buch macht es dem Leser nicht leicht. Man muss es sich erobern, der gelegentlichen Versuchung widerstehen, aus dem Text auszusteigen. Am Ende jedoch, versprochen, lohnt sich die Lese-Mühe, wird zur Lese-Lust.

Was ist das für ein Roman? Wovon handelt „Kruso“? Die Literaturkritiker von München über Berlin bis Hamburg mühen sich nicht unangestrengt um Antworten:

 „Ein perfekter Roman.“ „Ein fulminanter Roman.“ „Ein literarisches Versteckspiel.“ „Ein großer End-DDR-Roman.“ „Ein Buch über die Freiheit“. „Ein Buch über eine Männerfreundschaft.“ "Ein Buch, das Zeitgeschichte und mythologischen Weltblick vereint.“ „Ein Roman mit geradezu übermütig-sinnlicher Vorliebe fürs Unappetitliche.“ „Insel-Roman wie Aussteiger-Geschichte, Freiheitsphilosophie wie Adoleszenz-Erzählung.“

Und immer wieder wird aus diesem Roman, der im Sommer und im Herbst 1989 auf der DDR-Sehnsuchtsinsel Hiddensee und dort vor allem in der Klausner-Kneipe handelt, als Schlüsselsatz zitiert: „Wer hier war, hatte das Land verlassen, ohne die Grenze zu überschreiten.“

Lutz Seiler, der im Sommer '89 Tellerwäscher im „Klausner“ war, wo Aussteiger und Ausgestoßene arbeiteten, beantwortet freundlich und geduldig die Publikumsfragen in Erfurt, auch die ungeliebte nach der „Botschaft“ des Romans. Nein, sagt Seiler, er denke nicht an Botschaften, so funktioniere das Schreiben nicht. Und nein, er sehe keine Ostalgie-Gefahr für sein Werk, weil er kein Buch über die DDR geschrieben habe, keinen Wende-Roman. Der Sommer 1989 auf Hiddensee sei für ihn die historische Folie, auf der er die Geschichte einer Männerfreundschaft erzähle. Eine zärtliche, eine schwierige Männerfreundschaft zwischen Edgar Bendler, bei dem es Näherungen zum Romanautor gibt, und der Kunstfigur Kruso, bei der  Facetten an Aljoscha Rompe, den Sänger der Punkband „Feeling B“, erinnern.

Er erzähle, so Seiler, eine Robinsonade, eine abenteuerliche Inselgeschichte von Schiffbrüchigen des Lebens. Er selbst, antwortet der Dichter auf eine entsprechende Frage, habe damals keine Fluchtgedanken gehegt.

Dass der Autor seinen „Kruso“ nicht in der großen "Wende"-Schublade untergebracht sehen möchte, ist verständlich. Doch der Leser, der im untergegangenen Land gelebt, geliebt, gelitten hat, wird sich nicht abhalten lassen, Seilers erstaunliche Geschichten in Raum und Zeit sehr konkret zu verorten. Und er wird Lutz Seiler danken, dass er mit seiner Recherche jene Menschen dem Vergessen entreißt, die ihre Flucht über die Ostsee mit dem Leben bezahlt haben.

Der "Epilog", Seilers Recherche zu den im Meer Verschollenen und was von ihnen übrig blieb, raubt dem Leser fast noch mehr den Atem als die vorherigen 434 Romanseiten.

Der Abend in Erfurt endet mit Lutz Seilers erfreulicher Ankündigung, dass er sich nach Abschluss all der Lesereisen ab Herbst wohl an einen neuen Roman wagen werde, um vielleicht die zeitliche Lücke zwischen der Ed-und-Kruso-Geschichte und dem „Epilog“, also zwischen Ende 1989 und 1993, literarisch aufzuarbeiten.

Nicht nur das Erfurter Publikum, dem der Dichter einen bewegenden Abend schenkt, wird das gern vernehmen.

Der Abend war eine Kooperationsveranstaltung von Erfurter Herbstlese e.V., Stiftung Ettersberg/Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße sowie Landeszentrale für politische Bildung Thüringen.

Lutz Seiler liest aus "Kruso"

Fotos: Holger John

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