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Erfurter Herbstlese
Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Dez. 12 2018

Furioses Finale der 22. Erfurter Herbstlese mit Denis Scheck im Kaisersaal

Über den Tellerrand hinaus

Denis Scheck ist der Longseller der Herbstlese: Der Kritiker zählte bereits seinen zwölften Auftritt beim Erfurter Literaturfestival.
Denis Scheck ist der Longseller der Herbstlese: Der Kritiker zählte bereits seinen zwölften Auftritt beim Erfurter Literaturfestival.

Von Sigurd Schwager

„Vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich tue, und lesen Sie...“ den folgenden Text, der Ihnen druckfrisch vorliegt. Dieser handelt nämlich vom Literaturkritiker Ihres Vertrauens, also von Denis Scheck, der Nummer eins auf der Longsellerliste der Herbstlese. Denn so häufig wie er hat kein anderer Gast das Erfurter Festival mit seiner Anwesenheit beehrt. Die finale Veranstaltung der 22. Herbstlese ist bereits der zwölfte Auftritt des scharfzüngigen Schwaben.

Das Dutzend macht er im schönen und natürlich ausverkaufte Kaisersaal voll. Man sieht es, man hört es, man spürt es: Hier treffen sich gute alte Bekannte. Es herrscht eine aufgeräumte, erwartungsfrohe Stimmung vor dem Start der gemeinsamen Wanderung durch die literarische Welt des Jahres 2018. „Ich freue mich riesig“, sagt der belesene Reiseführer Scheck. Die lesewilligen Reiseteilnehmer blicken freudig zurück und applaudieren.
Los geht es wie immer in den Niederungen literarisches Ödnis. Scheck beginnt mit einem Scheck-Klassiker aus den Anfängen seiner Fernsehkarriere. Damals, vor 16 Jahren, liest er die frühen Memoiren von Oliver Kahn und findet darin den wunderbaren Satz, der bis heute nichts von seinem Charme verloren hat: „Die Trennung von meiner Frau hatte nichts mit ihrer Person zu tun.“ Als das Gelächter in Erfurt verklingt, erzählt der Kritiker, dass er später Kahn in einem Hotel begegnet sei und der Titan ihn angesprochen habe: „Herr Scheck, es ist mir unbegreiflich, wie dieser Satz in mein Buch kommen konnte.“

Während Denis Scheck im Falle Kahn eher sanften Spott walten lässt, hat er im Kaisersaal für den Macho-Ratgeber „Das ist Alpha!“ von Kollegah nur Verachtung übrig und illustriert sie mit der Eigenwerbung des Rappers: „Es ist ein selbstbewusstes Männer-Buch in einer vermehrt androgyn gewordenen Gesellschaft und sowas schmeckt den verweichlichten Pressepussys selten.“

Hart im Nehmen, durchforstet die verweichlichte Pressepussys Scheck das üble Ratgeber-Dickicht, nimmt einen Gaga-Satz aus einem Gaga-Buch von Donald Trump auseinander und setzt ihn wieder zusammen, und selbstverständlich gilt eine der Schmähungen wieder Sebastian Fitzek. Dass der Bestsellerautor im Herbst 2019 in der Erfurter Messehalle auftreten wird, kommentiert Scheck mit dem Rat: „Sparen Sie Ihr Geld!“

Als er etwas später das aktuelle Nobelpreis-Elend drastisch beschreibt, kann er es sich nicht versagen, wie schon im Vorjahr die Vergabe des Preises an Bob Dylan zu kritisieren. Und der Herbstlese-Berichterstatter denkt sich erneut seinen Teil: Nein, lieber Herr Scheck, in dieser Angelegenheit vertraue ich Ihnen nicht!

Trump, Fitzek und Dylan sind nicht die einzigen Erinnerungen an 2017. Scheck lobt zwölf Monate weiter noch einmal Daniel Kehlmanns „Tyll“, weil seither kein besserer deutschsprachiger Roman erschienen sei. Er trägt wieder Eugen Gomringers Gedicht vor, jenes von den Alleen und Blumen und Frauen und einem Bewunderer, das von der Fassade einer Berliner Hochschule als sexistisch und frauenfeindlich verbannt wurde. „Ein Narrenstück der politischen Korrektheit!“ Der Zorn des Kritikers ist noch lange nicht verraucht.

Aber Denis Scheck kann auch anders – hemmungslos und leidenschaftlich Bücher loben, die ihn gepackt haben. Davon gibt es zum Glück eine ganze Menge, und so erlebt das Publikum eine Tour der erfreulichen Superlative. Ausgiebig stellt er die deutsche Neuausgabe von Philip Roth vor, erzählt von Begegnungen mit dem bewunderten Autor. Scheck schwärmt ebenso elegant wie prägnant von Fernando Aramburu („Patria“) und Roberto Bolano („Der Geist der Science-Fiction“), von David Foster Wallace („Der Spaß an der Sache“) und Jonas Jonasson („Der Hundertjährige, der zurückkam, um die Welt zu retten"“, von Natascha Wodin („Irgendwo in diesem Dunkel“) und Hideo Yokoyama („64“).

Auch im deutschsprachigen Bücherregal ist der Kritiker 2018 fündig geworden. Nora Krugs einzigartige Collage „Heimat“ beeindruckt ihn maximal, David Schalkos „Schwere Knochen“ empfiehlt er aufs wärmste als ein starkes Stück Literatur. Neues von Maxim Biller, Dörte Hansen, Michael Köhlmeier oder Inger-Maria Mahlke – unbedingt lesen! Nicht zu vergessen die diesjährigen Herbstlese-Gäste Arno Geiger, Wolf Haas, Felicitas Hoppe und die perfekte Judith Schalansky.

Damit das Erfurter Publikum im Gedränge nicht die Übersicht verliert, gibt es wie immer bei Scheck eine Liste der Bücher aller 45 erwähnten Autorinnen und Autoren. Besonders viele Lacher hat der Ausleser auf seiner Seite, als er Christian Feyerabends Sachbuch „Garten ist Krieg“ vorstellt. „Endlich sagt das mal einer“, seufzt ein zufriedener Denis Scheck.

Zufrieden sind auch die Damen und Herren im Parkett und auf den Kaisersaal-Rängen mit der literarischen Weltreise 2018, für die als Motto ein Buchtitel von Wolfram Siebeck gelten könnte: „Über den Tellerrand hinaus“.

„Versäumen Sie nicht, ein Buch zu kaufen“, bittet Denis Scheck zum Abschied. Ob er dabei an die Kulturmeldung des Tages gedacht hat? Sie lautet in spröden Worten: Die Deutschen kaufen immer weniger Bücher. 54 Prozent der Haushalte haben es 2017 getan, 2007 waren es noch 65 Prozent. Die monatlichen Ausgaben der Haushalte für Bücher sanken in diesem Zeitraum von 19 auf 17 Prozent.

Man darf sicher sein: Die Herbstlese-Macher, die Herbstlese-Gäste und die Herbstlese-Besucher bleiben unverbesserliche Optimisten wie sie im Buche stehen. Mit Denis „Vertrauen Sie mir“ Scheck an der Spitze

Denis Scheck zum Finale der Herbstlese 2018

Fotos: Uwe-Jens Igel

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