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März 28 2019

Lutz Lindemann erzählt aus seinem Fußballer-Leben (Teil I)

Von Vieselbach nach Drackendorf

Lutz Lindemann erzählte auch von Geldscheinen im Kühlschrank.
Lutz Lindemann erzählte auch von Geldscheinen im Kühlschrank.

Von Michael Keller

Reden Rot-Weiß-Fans vom Erzrivalen am Saalestrand, kommt ihnen das Wort der verbotenen Stadt Jena nicht über die Lippen. Man weicht auf Drackendorf aus. Umgedreht reden Carl Zeiss-Fans nur von Vieselbach statt Erfurt. So weit, so gut.

Einer, der vor sowohl für Vieselbach, als auch Drackendorf gespielt hat, ist Lutz Lindemann. Im Juli wird er 70 und hat eine Menge erlebt. Und darüber ein Buch geschrieben: „Optimist aus Leidenschaft: Mein Leben“. Gerade erschienen, hat der frühere Spielvordenker und -lenker auf seiner Promo-Tour am Mittwochabend im Rahmen der Frühlingslese im ausverkauften Haus Dacheröden Station gemacht. Gemeinsam mit „Ghostwriter“ Frank Willmann aus Weimar – übrigens bekennender Drackendorf-Fan.

Um zu erzählen und mit den Gästen zu plaudern. Und so manche Geheimnisse zu lüften. Aus der Zeit, in der er vom Langhaar- zum Glatzenträger wurde, in der er kreuz und quer als Spieler, Trainer, Berater, Aufbauhelfer, Präsident und Faktotum in der deutschen Fußballlandschaft fungierte. Aus einer Zeit, in der aus dem Straßenbolzer ein Nationalspieler wurde.

Startpunkt Halberstadt. Mit 17 erstes Spiel von „Lutzchen“ mit der Junioren-Nationalmannschaft. Tiefpunkt Eisenhüttenstadt. Spielverbot, weil er wechseln wollte und die Genossen etwas dagegen hatten. Nächste Station Nordhausen-West. Im März 1971 Wechsel nach Erfurt. Für 750 Mark war er bei der Optima angestellt, ohne seinen Arbeitsplatz jemals näher erkundet zu haben. Man durfte nicht auffallen als Vollprofi damals. Schließlich wurde überall postuliert, in der DDR gebe es nur Amateure.

„Hätten wir damals einen besseren Trainer gehabt und funktionierende Rahmenbedingungen, wir hätten etwas bewegen können“, sagt Lindemann mit Blick zurück auf seine rot-weiße Zeit. Und wäre Rüdiger Schnuphase („Er hätte uns führen können“) nicht schon vor ihm an die Saale gewechselt, wäre man damals mit so tollen Spielern wie Heun, Krebs, Busse, Vlay, Hornik und Romstedt nicht im Mittelmaß versackt. So aber folgte auch er dem Ruf des Geldes und von Carl Zeiss-Generaldirektor Biermann. Begleitet von wütenden Protesten und Parteiaustritten Erfurter Fans. Das habe damals richtigen Ärger gegeben. Und es war wohl leider auch die Geburtsstunde einer bis heute reichenden, abgrundtiefen und hasserfüllten Rivalität zwischen den Fans beider Clubs.

Eine beachtenswerte Karriere lag vor Lindemann. Er nutzte die Gunst der Stunde. Und kassierte. Nicht wenige Siegprämien. Aber da war es wieder, das Amateurproblem. Um mit der immensen Bargeldsumme – früher gab es bei Fußballern tatsächlich noch die Prämien in bar – in Jena nicht aufzufallen, wurden die Scheine im heimischen Kühlschrank aufbewahrt. „Im Gemüsefach“, verriet Lindemann. Nicht stapelweise. Da sei nur der Boden bedeckt gewesen, versicherte er unter amüsiertem Gelächter des Publikums, in dem sich viele bekannte Gesichter fanden. Alte Weggefährten von Lutz Lindemann – Rüdiger Schnuphase, Jürgen Heun, Albert Krebs. Und der einstige Superstürmer Peter Ducke, der weiland leider für den aus Erfurter Sicht falschen Verein spielte und mitunter zu rüden Mitteln gegriffen haben soll, wenn ihm die Gegner – zum Beispiel der frühere RWE-Verteidiger Dieter Göpel – das Leben am Ball allzu schwergemacht hatten.

Heute ist man mit sich im Reinen und in Freundschaft zugetan – Gruppenfoto, Lächeln, Schulterklopfen. „Diese bösartige Rivalität zwischen den Fans beider Vereine verabscheue ich zutiefst“, sagt der ehemals ob seiner Haarfarbe „der Schwarze“ genannte Peter Ducke, ehe er, nun sehr grau geworden, in die Erfurter Nacht entschwindet.
 

Dieser Artikel erschien zuerst am 29. März in der "Erfurter Allgemeine".

 

Lutz Lindemann bei der Frühlingslese

Fotos: Uwe-Jens Igel

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