Erfurter Herbstlese

Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Feb. 20 2018

Matthias Biskupek eröffnet Reihe „Traumberuf: Schriftsteller?“ im Kultur: Haus Dacheröden

Weder armer Poet noch Bestsellerautor

Gebürtiger Sachse, gelernter Thüringer: Der Schriftsteller Matthias Biskupek hat in seinem Leben das eine oder andere ausprobiert.
Gebürtiger Sachse, gelernter Thüringer: Der Schriftsteller Matthias Biskupek hat in seinem Leben das eine oder andere ausprobiert.

Von Sigurd Schwager

Dornröschen schläft nicht mehr. Es wurde wach geküsst am alten Erfurter Angerbrunnen. Seither haben die Musen wieder gut zu tun im schönen Haus Dacheröden, welches nun der Herbstlese-Verein hütet und für das geneigte Publikum mit vielfältigen Angeboten möbliert.

Hier darf man "Die Gunst des Augenblicks" nutzen und Lyrik-Größen wie Büchnerpreisträger Marcel Beyer treffen oder interessante Menschen aus der Region, die ihr Lieblingsbuch vorstellen, Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch zum Beispiel. Hier kann man stille Zwiesprache halten mit Malerei, Grafik und schwarzweißer Fotokunst oder dem Klang der Gitarre folgen. Hier rollt Orson Welles seinen Kino-Meilenstein "Citizen Kane" auf die Leinwand, lernt man Goethes Bergrat J. C. W. Voigt im Vortrag näher kennen und das New York der wunderbaren Dorothy Parker. Hier wird literarisch Vergessenes "Neu aufgeblättert" oder mit Experten mehr als nur ein verzweifelt fragender Blick auf die politische Weltkarte geworfen.

Zudem ist das Traditionshaus Anger 37 seit einiger Zeit Handlungsort einer quotenträchtigen Arztserie. An jedem vierten Donnerstag im Monat findet hier in Partnerschaft mit der Zentralklinik Bad Berka die öffentliche Chefarzt-Sprechstunde mit dem ulkigen Titel "Freche Fragen" statt.

Und jetzt gibt es an jedem dritten Donnerstag im Monat zur Arzt- auch noch die Dichter-Sprechstunde unter der Überschrift "Traumberuf: Schriftsteller?" Der Auftakt mit Matthias Biskupek aus Rudolstadt gilt schon mal als Versprechen, es könne diese neue Reihe von Herbstlese und Thüringer Schriftstellerverband eine weitere kleine Erfolgsgeschichte werden.

Im Saal sitzen neugierige Bücherfreundinnen und -freunde aller Altersklassen nicht in engen Stuhlreihen hintereinander, sondern entspannt an kleinen runden Tischen bei Kaffee, Wasser und Wein. Interessiert, oft amüsiert, nie gelangweilt lauschen sie einem launigen Gespräch, dass viel Zeit für Publikumsfragen lässt, kommentieren pointierte Antworten mit Zwischenbeifall.

Am Morgen nach dem Erfurter Abend wird der auch als Bücher- und Theaterkritiker geschätzte Matthias Biskupek folgende Eigenrezension der Veranstaltung in sein digitales Tagebuch schreiben:

„,Humorvoll schreiben – ein hartes (?) Handwerk.‘ Meine Kollegen Ingrid Annel und Olaf Trunschke befragten mich nach meiner Schriftstellerwerdung, hatten sich großartig vorbereitet, mit Texten und Bildern, die per Überkopfbildwerfer (wenn schon Erinnerung, dann richtig!) auf die Leinwand geworfen wurden.

Jede Menge Plauderei aus dem Nähkästchen. Erstaunlicherweise saßen in dem vollen Saal nicht nur meine Generationsgefährten, meine einstigen Kollegen aus der Zeitungsschreiberei, meine Erfurter Groupies, sondern auch deutlich jüngere Menschen mit Fragen: Wie kommt man an einen Verlag? Wie kommt man zu einem Manuskript? Gibt es heute noch Lektoren? Ist beim Schreiben die Story wichtiger als die Sprache, der Stil? Wie entsteht überhaupt ein erster Satz?

Eine der Mitorganisatorinnen kannte ich aus der Zeit, als sie bei Kiepenheuer resp. Aufbau-Verlag Veranstaltungen organisierte. An die zwanzig Jahre her. Ein Zuhörer fragte, was ich im ,Rentnerlehrling‘ über das Jahr 1985 geschrieben habe – er stellte sich als Mit-Leidender meiner damaligen Reservistenzeit heraus, als wir von Bad Salzungen aus die Schergen der USA in ihrer Fuldaer Kaserne bekämpften (erfolgreich!). Die gute Ingrid Annel konnte ein Gedicht, das ich mit 19 (!) Jahren schrieb, auswendig! Und als wir danach noch an einem Marmortischlein an der Adresse ,Kleine Arche 1‘ zusammensaßen, erinnerte ich mich, dass ich früher immer viel mehr Alkohol trinken wollte.“

Der Berichterstatter vom Dacherödschen Serienstart gestattet sich hinzuzufügen: Für die Rolle des Premierengastes ist Biskupek die Idealbesetzung. Der gebürtige Sachse, Jahrgang 1950, kennt Thüringen und Thüringen kennt ihn. Seit 1973 lebt und arbeitet der studierte technische Kybernetiker hier, zunächst als Systemanalytiker im Chemiefaserkombinat Schwarza, ab 1976 am Theater Rudolstadt, später als Dramaturg und Kabarett-Texter in Gera sowie als Literaturkritiker des „Eulenspiegel“. Sein erstes Buch erscheint 1981. Zwei Jahre später wagt er den Schritt ins freischaffende Schreiberleben.

„Seit ich freier Autor bin“, sagt er in Erfurt, „habe ich nie etwas anderes machen wollen.“ Ein Satz ziehe den nächsten nach sich. Und ja, er könne davon leben. „Weder bin ich ein armer Poet noch ein Bestsellerautor.“ Biskupek ist ein ebenso guter wie fleißiger Schreiber. Vermutlich gibt es von ihm inzwischen mehr Bücher und Texte in Büchern als der Thüringer Schriftstellerverband heute Mitglieder hat.

Es ist kein Zufall, dass der Traumberufler (ohne Fragezeichen) im Haus Dacheröden viel über sein Buch „Der Rentnerlehrling“ von 2015 spricht, denn „Meine 66 Lebensgeschichten“, so der Untertitel, sind eine sehr persönliche Nahaufnahme. Komisch und ernst, satirisch und sachlich, lustig und traurig - und immer angenehm frei von Eitelkeit. Das Lebensgeschichtenbuch endet mit dem Satz: „Sollen doch andere weitererzählen.“

Sollen sie nicht, denn des Dichters Fluch und Segen bleibt das Schreiben, das Erzählen von Geschichten. Zuletzt hat sich Matthias Biskupek intensiv mit dem Nachlass von Renate Holland-Moritz, der bekanntesten Filmkritikerin der DDR, beschäftigt. Man darf auf das Buch-Ergebnis gespannt sein.

Vielleicht sieht man sich damit wieder im Haus Dacheröden.

Traumberuf Schriftsteller mit Matthias Biskupek.

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