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März 08 2019

Musikalischer Lyrik-Abend zu „Verschiedene Ansichten: Böll und Grass“

„Wir kommen weit her…“

Safiye Can trug neben Bölls auch eigene Gedichte vor.
Safiye Can trug neben Bölls auch eigene Gedichte vor.

Von Vanessa-Marie Starker (*)

Am 8. Mai 1985 schreibt Heinrich Böll sein letztes Gedicht in das Poesiealbum seiner Enkelin Samay. Nur wenige Monate später veröffentlicht es seine Familie als Danksagung für die Beileidsbekundungen nach dem Tod des Nobelpreisträgers. Beim lyrisch-musikalischen Abend im Kultur: Haus Dacheröden im Rahmen der Ausstellung „Böll und Grass: Verschiedene Ansichten“ stellt es der Sprechsteller Martin Stiebert aus Jena an den Beginn seiner Rezitationen.  Der erste Vers „Wir kommen weit her“ dient gleichsam als Motto des Abends.
 

 

Wir kommen weit her

(Für Samay)

Wir kommen weit her

liebes Kind

und müssen weit gehen

Keine Angst

alle sind bei Dir

die vor Dir waren

Deine Mutter,

Dein Vater

Und alle, die vor ihnen waren

weit weit zurück

alle sind bei Dir

keine Angst

wir kommen weit her

und müssen weit gehen

liebes Kind.

 Dein Großvater
 

Martin Stiebert spannt einen interessanten lyrischen Bogen von Böll und Grass bis zu Ilse Aichinger und Günter Eich, auch sie Mitglieder der Gruppe 47. Bei Grass beginnt er mit dem „Kinderlied“ aus der Sammlung „Gleisdreieck“ von 1960. Die Schwere der Thematik hängt spürbar im Raum, als Stiebert das Gedicht nach ein paar Anmerkungen ein zweites Mal liest. Es folgen Gedichte aus dem Band „Die Vorzüge der Windhühner“ sowie einige Vierzeiler von Grass. Anschließend sind Verse von Ilse Aichinger und ihrem Mann Günter Eich zu hören.

Martin Stiebert weiß auf eine besonders schöne Art, Gedichte vorzutragen. Das Stilmittel der Wiederholung nutzt er an diesem Abend mehrfach. Der gelungene Kunstgriff verleiht dem Vortrag Dichte und Intensität. Als sich in den Zeilen „Umsonst Narr / Narr umsonst“ des Gedichts „Meine Muse“ von Böll, seine Stimme erhebt, sorgt das für Gänsehaut. Sein Spiel mit Tonlage, Lautstärke und Pausen berührt den Zuhörer und entführt sie für einen kurzen Moment. Heraus aus dem Raum, hinein in die Welt, die das jeweilige Gedicht eröffnet.

Der Abend verharrt lyrisch und musikalisch aber nicht nur in der Vergangenheit, sondern stellt auch eine Verbindung zur Gegenwart her. Dies gelingt der Lyrikerin Safiye Can auf beeindruckende Weise. Die gebürtige Tscherkessin beginnt wie Martin Stiebert mit Bölls „Wir kommen weit her“. Sie berührt das Publikum mit ihrer ganz eigenen Art, das Gedicht vorzutragen. Durch eine abweichende Betonung und Pausensetzung legt sie den Fokus auf andere Stellen als Stiebert. Anschließend trägt sie eigene lyrische Arbeiten vor, vor allem aus dem Band „Kinder der verlorenen Gesellschaft“. Heimat ist ein immer wieder variiertes Thema bei ihr - „Vielleicht ist Heimat eine Zeile Kurt Cobain“, beginnt eines ihrer Gedichte.

Die musikalischen Akzente des Abends setzt Luca Behrend, Förderschüler der Hochschule für Musik in Weimar, mit seinem Akkordeon. Er eröffnet den Abend mit dem „Allegro assai“ von Carl Philipp Emanuel Bach, spielt unter anderem Robert Schumanns „Vogel als Prophet“, „La Valse des Monstres“ aus dem Film „Die fabelhafte Welt der Amelie“ und das irische Abschieds- und Liebeslied „Danny Boy“. Mit der Wahl von klassischen und modernen Stücken stellt Behrendt musikalisch – wie Stiebert und Can mit Worten – eine Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart her.

Stiebert und Can, Behrendt mit seinem Akkordeon und die Herren Grass und Böll – im Kultur: Haus Dacheröden geht ein ausdrucksvoller Abend zu Ende. Angenehm berührt – und da ist die Autorin dieser Zeilen gewiss nicht allein – macht sie sich auf den Heimweg. Um, zu Hause angekommen, als erstes ein Buch aus dem Regal zu ziehen. Ein Buch mit Lyrik, versteht sich.

(*) Vanessa-Marie Starker studiert Literatur und Geschichte an der Universität Erfurt. In den Semesterferien absolviert sie ein Praktikum beim Verein "Erfurter Herbstlese". Als „lonelyThougt“ betreibt sie ihren eigenen Blog.

Musikalischer Lyrik-Abend

Fotos: Uwe-Jens Igel

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