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Erfurter Herbstlese
Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Jan. 20 2023

Vorgestellt von Karen Lottegier, Buchhändlerin bei Hugendubel in Erfurt

M. Kruppe „Wendepunkte – Lange Nächte in Tampere"

(c) Edition Outbird
(c) Edition Outbird

‚Wendepunkte – Lange Nächte in Tampere‘ ist ein Buch, das mich sehr begeistert hat. Von M. Kruppe hatte ich schon einiges gelesen und deswegen war ich schon sehr gespannt auf sein neues Buch. Was genau ich erwarten konnte, wusste ich aber nicht. Würde es eine Reiseerzählung werden oder eher ein Erlebnisbericht? Nach dem Lesen kann ich sagen, dass es eine Mischung von beiden geworden ist. Eine Art Reiseerzählung, in der aber nicht die Reise oder der Aufenthaltsort, in diesem Fall die Stadt Tampere, im Vordergrund steht, sondern der Reisende, seine Gedanken, seine Erinnerungen, seine Erlebnisse und seine Begegnungen.

Das Buch fängt damit an, dass M. Kruppe einige finanzielle Sorgen hat. Als er dann einen Anruf bekommt, dass kurzfristig ein Stipendium in Tampere freigeworden ist, und ob er vielleicht Interesse daran hätte, hinzufahren, willigt er ein, obwohl er gar kein Freund des Winters und der Kälte ist. Das Geld aber braucht er dringend. Aus der etwas unfreiwilligen Reise wird aber schnell eine aufregende Zeit, in der sehr viel gearbeitet, aber auch über das eigene Leben sinniert wird. Alte Erinnerungen kommen nach oben. Ängste und Zweifel melden sich. Dazu kommen aber auch wundervolle Begegnungen, das Kennenlernen einer winterlichen finnischen Stadt und viele neue Erfahrungen.

Mir hat dieses Buch sehr gut gefallen. Das Cover mochte ich auf Anhieb. Es ist dunkel und zeigt eine Straße im schneebedeckten Tampere. Sofort spürt man eine gewisse Atmosphäre, die einem auch im Buch wieder begegnet. Es ist keine farbenfrohe Erzählung, eher eine knallharte Begegnung des Hauptprotagonisten mit sich selbst, die auch mich als Leser sehr mitgenommen hat. M. Kruppe lässt uns nämlich ungefiltert an seinen Erinnerungen und Gedanken teilhaben. Mich hat das sehr beeindruckt. Themen wie Tod und Trauer, Alkoholismus, die Suche nach dem Ich, aber auch die Liebe werden auf schonungslose Weise thematisiert.

Durch den wundervollen, bildhaften Schreibstil hat man das Gefühl, selber in Tampere anwesend zu sein. Man spürt förmlich, wie der Schnee unter den Schuhen knistert, während der Erzähler nachts einen Spaziergang durch das Wäldchen in der Nähe seiner Wohnung macht. Die Kälte am Bahnhof, weil der Zug nicht kommt wegen eines Schneesturms, lässt einen mitzittern. Es war mir ein Vergnügen, dieses Buch lesen zu können.

Einige Passagen haben mich aber arg mitgenommen. Das Kapitel ‚Das Sauna-Trauma‘ zum Beispiel, in dem der Autor von einer sehr schmerzhaften Kindheitserinnerung erzählt, hat mich einfach nur wütend gemacht. Die Gedanken über sein manchmal etwas hohen Alkoholkonsum und seine Machtlosigkeit, etwas daran zu ändern, stimmten mich eher traurig. Vor allem das längere Gedicht am Ende mit dem Titel ‚Wendepunkte‘ hat mich die Tränen in die Augen getrieben. Es hörte sich an wie einen Hilfeschrei voller Wut, Verzweiflung und Angst.

Andererseits gab es auch viel herzerwärmende Augenblicke. Die Begegnungen mit Helmi oder mit den Männern vom Huoltsu, eine Sozialstation, haben mir sehr gefallen. Man lernt sie besser kennen und merkt, dass es sich lohnt, mal hinter die äußeren Fassaden zu blicken. Dahinter verstecken sich ganz oft wundervollen Menschen mit interessanten Geschichten, so wie man hier im Buch auch erfährt.
Die Einblicke, die man bekommt, wie es so ist als Autor in einem fremden Land, der sich von Lesung zu Lesung und von Auftrag zu Auftrag hasten soll, fand ich auch sehr interessant. Viel Zeit, sich mit dem Land, wo man sich befindet, und die Leute, die da leben, auseinanderzusetzen, bekommt man leider nicht. Trotzdem wurde auch immer mal wieder etwas über Tampere, die finnische Kultur und einige typische Gerichte erzählt. Obwohl das Land und die Kultur etwas weniger im Vordergrund standen, bekam ich trotzdem Lust, auch mal nach Finnland zu reisen.

Insgesamt ein tiefgründiges Buch, das viele ernsthafte Themen aufgreift, in einem inneren Dialog auseinandernimmt und die Leser dazu bringt, auch selber mal nachzudenken. Eine Mischung aus warmherzigen Begegnungen und die Einsamkeit des Alleine-Reisens. Mir hat es unglaublich gut gefallen, was sehr viel mit dem bildhaften, lyrischen Schreibstil zu tun hatte. Diese Geschichte wird noch sehr lange bei mir im Kopf hängenbleiben und kann ich einfach nur weiterempfehlen. Ich bin auf jeden Fall tief beeindruckt.


Vorgestellt von Karen Lottegier, Buchhändlerin bei Hugendubel in Erfurt

 

cover

 

M. Kruppe „Wendepunkte - Lange Nächte in Tampere"
Edition Outbird
ISBN: 9783948887407
9,99 Euro

Das Buch kann unter diesem Link bei unserem langjährigen
Partner Hugendubel erworben werden.

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