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Erfurter Herbstlese
Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Dez. 10 2020

Gespräch mit Denis Scheck über Corona, Spinatpudding - und gute Bücher

„Wir sollten ein bisschen dankbar sein"

 „Wir sollten ein bisschen dankbar sein"
„Wir sollten ein bisschen dankbar sein"

Statt eines Auftritts in einem Saal mit echten Menschen geben Sie in diesem Jahr Ihre Tipps für gute Bücher per Video ab. Für Sie als Fernsehmann keine ungewohnte Aufgabe. Vermissen Sie dennoch Ihr Live-Publikum?

Ja, sehr sogar! Aber mir geht nicht nur das vermaledeite Virus, sondern auch echt die Corona-Jammerei auf die Nerven. Wir leben in einem Land mit einer der besten Infrastruktursysteme der Welt. Mit dem besten Gesundheitssystem, den besten kulturellen Einrichtungen, den besten Medien, ja, und nicht zuletzt mit einer funktionierenden parlamentarischen Demokratie. Im Vergleich zu den Herausforderungen früherer deutscher Generationen ist diese Pandemie doch ein Klacks. Also sollten wir vielleicht gerade in der Adventszeit auch mal ein bisschen dankbar sein.

Auch Lutz Seiler kann zu den Erfurter Literaturfreunden im Dezember nur via Internet sprechen. Kürzlich schrieb er in der SZ, im Lauf des Jahres alle Möglichkeiten zum Vorlesen genutzt zu haben - etwa im Regen auf Hiddensee und bis die Funken aus dem Verstärker schlugen. Welche Open-Air- oder sonstige skurrile Vorlese-Situation bleibt Ihnen von 2020 gegenwärtig?

Definitiv die Hölderlin-Andacht Anfang Juni im Haus Dacheröden in Erfurt – für Anne-Dore Krohn und mich die erste Open-air-Veranstaltung in diesem Jahr überhaupt und eine sehr schöne Erfahrung. In Erinnerung bleibt mir aber auch das Erlanger Poetenfest Ende August: im strömenden Regen bei zehn Grad harrte das neugierige Publikum unverdrossen aus. Diese Franken sind ganz schön hart im Nehmen.

Einigen erscheinen Kunst und Kultur in Pandemie-Zeiten durchaus als lässlich. Wie schätzen Sie die Situation der Literaturbranche ein?

Stabil und fragil zugleich. Den Verlagen geht es offenbar gar nicht so schlecht, denn in solchen Zeiten wird vermutlich auch mehr gelesen oder jedenfalls werden mehr Bücher verkauft. Nur die Autoren haben das Nachsehen, denn ähnlich wie in der Musikbranche hat sich auch die Einkommenssituation vieler Schriftsteller dahin entwickelt, daß man weniger von den Buchtantiemen lebt als von Lesungshonoraren. Die Lesungen sind 2020 aber meistens ausgefallen, und das wird sich so schnell auch im kommenden Jahr nicht ändern. Das trifft ausgerechnet die am härtesten, die ohnehin nicht auf Rosen gebettet sind.

Wie viele der sonst 80.000 bis 90.000 Neuerscheinungen im Jahr kamen 2020 auf den Buchmarkt? Ist es, literarisch-kritisch gesehen, ein Ausnahmejahr auch mit Blick auf die Qualität gewesen?

Ich habe noch keine Statistik für das laufende Jahr zu Gesicht bekommen, offenbar hat man einige Titel aus dem Frühjahr in den Herbst und ins kommende Frühjahr 2021 geschoben. Aber die Qualität der Neuerscheinungen ist meiner Wahrnehmung nach sogar ungewöhnlich gut, sowohl in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur wie in der internationalen.

Wie groß ist der Stau unveröffentlichter Bücher in den Verlagen - und wie schnell kann er aufgelöst werden?

Das mag es in Einzelfällen geben, aber ich glaube eher, daß Corona nun als bequeme Ausrede benutzt wird für Titel, die man ohnehin absagen wollte.

Die Herbstlese wurde einst auch mit dem Ziel gegründet, für ein wenig Klarheit auf dem überfüllten vorweihnachtlichen Büchermarkt zu sorgen. Wie lauten Ihre Empfehlungen für Belletristik und Sachbuch und vielleicht einen Geheimtipp?

Der für mich stärkste deutsche Roman stammt von Thomas Hettche – in „Herzfaden“ erzählt er von der Augsburger Puppenkiste und von der frühen Mediengeschichte der Bundesrepublik. International hat mich Hilary Mantels „Spiegel und Licht“ am meisten beeindruckt, der fulminante Abschluß ihrer Trilogie über Thomas Cromwell, den Lordkanzler Heinrich VIII. Und als Geheimtipp darf ich eine Vater-&-Sohn-Empfehlung nennen: Michael Maar ist einer der scharfsinnigsten deutschen Literaturkritiker, sein Vater Paul Maar einer der beliebtesten und renommiertesten deutschen Kinderbuchautoren. Michael Maar hat mit „Die Schlange im Wolfspelz“ eine wunderbare moderne Stilfibel mit köstlichen Beispielen aus der deutschsprachigen Literatur geschrieben, der Schöpfer des Sams Paul Maar erfreut in „Wie alles kam“ mit einem Roman seiner Kindheit.

Nach dem ganzen Wirrwarr um Monika Maron erschien ihr erstes 50-Seiten-Werk beim neuen Verlag verdächtig schnell. Aber es handelt von einem Hund. Kann sich der - sorry - Hundenarr Denis Scheck für das Büchlein erwärmen. Oder anders gefragt, was meint Ihr Scheck-Russel-Terrier Stubbs dazu.

Stubbs ist so vollkommen mit seinem eigenen Buch beschäftigt, daß er nur Fachliteratur liest. Am besten gefallen hat ihm in diesem Jahr das Buch des Evolutionsbiologen Josef H. Reichholf „Der Hund und sein Mensch: Wie der Wolf sich und uns domestizierte“ – ein Standardwerk für alle, deren Neugier auf den Hund über Hundnase und Schwanzhund hinausreicht. Aber ich habe mich sehr für Monika Maron gefreut, daß sie schnell einen neuen und ordentlichen Verlag gefunden hat. Diese alberne deutsche Unart, unseren über Jahrzehnten verdienten und großen Schriftstellern ideologisch am Zeug flicken zu müssen – egal ob nun Wolf, Walser und Grass, Handke oder Strauß – geht mir ziemlich auf die Nerven. Man müßte mal darüber nachdenken, ob man nicht einen neuen Verlag als eine Art literarische Bad Bank gründet, wohin diese Autoren im Alter mit ihrem Werk dann ausgelagert werden können – so eine Art Elefantenfriedhof der deutschen Gegenwartsliteratur.

Den in der Corona-Krise gegenwärtigen schwedischen Sonderweg betrachten Sie beim Literatur-Nobelpreis seit Jahren kritisch. Ist in Stockholm inzwischen alles wieder einigermaßen im Lot?

Nein, der Preis ist nach wie vor schwer beschädigt und trägt jedes Jahr zu meiner Belustigung bei. Aber die US-amerikanische Lyrikerin Louise Glück ist eine gute Wahl, ich freue mich, wenn ihr Werk durch diese Auszeichnung auf Deutsch wieder zugänglich wird.

Nun ist die ganze Welt vielleicht wirklich Bühne, aber nicht alles ist Literatur. Wo finden Sie in der Pandemie Zuflucht, Trost, Vergnügen? Was haben Sie für sich neu entdeckt?

Sie meinen außer bei den Großen Gewächsen von Fürst, Huber und Aldinger und Wöhrwag? Evelyn Waughs „Wiedersehen mit Brideshead“ hat nichts von seinem Charme verloren. Ansonsten hilft mir wie immer Lyrik: in diesem Jahr ganz besonders Hölderlin. Und gerade bin ich sehr fasziniert von einer sehr anregenden Anthologie, einem wahren Buchziegel, der verschiedene Perspektiven auf Dichtung von Frauen und über Frauen wirft: „Frauen / Lyrik“, herausgegeben von Anna Bers bei Reclam.

Noch tobt der politische Kampf darüber, was zum Weihnachtsfest an Askese geboten ist. Wie wird Heiligabend im Hause Scheck geplant?

Meine leibliche Verwandtschaft liegt auf dem Friedhof, von daher würden mich größere Gästezahlen eher überraschen – ob nun erlaubt oder nicht. Ich habe letztes Jahr die Partitur zu Bachs Weihnachtsoratorium geschenkt bekommen und freue mich nun im Advent, die sechs Teile einmal mit Verstand zu hören. Ansonsten ist die Menüplanung noch nicht abgeschlossen, aber ein Spinatpudding mit Morchelsauce wird sicher eine Rolle spielen.

Hat der ganze Irrsinn für Sie vielleicht auch eine gute Seite und Sie konnten ein Projekt – etwa ein neues Buch – beginnen, für das sich zuvor keine Gelegenheit bot?

Mein Hund schreibt wie ein Wilder, ich hingegen bin sehr unproduktiv.

Was glauben Sie, wann werden wir Denis Scheck in Erfurt wieder livehaftig erleben?

Da ich fest vorhabe, wie Bilbo Beutlin meinen 111. Geburtstag mit einer großen Sause zu feiern, achte ich sehr darauf, nicht vorher durch Corona hingerafft zu werden. Aber ich hoffe doch sehr, daß wir uns im Dezember 2021 alle wieder persönlich in Erfurt sehen – und bitte möglichst vollzählig.

Das Video mit Denis Scheck ist am 18. Dezember ab 19.30 Uhr für 24 Stunden auf Caroline TV zu sehen, dem YouTube Kanal der Erfurter Herbstlese.

 

 

Die im Interview genannten Bücher können unter den folgenden Links bei unserem langjährigen Partner Hugendubel erworben werden.

Thomas Hettche „Herzfaden“ – Roman der Augsburger Puppenkiste, Kiepenheuer & Witsch Verlag, ISBN: 346205256X, 24,00 Euro

Hilary Mantel „Spiegel und Licht“, DuMont Buchverlag, ISBN: 3832197249, 32,00 Euro

Michael Maar „Die Schlange im Wolfspelz“ – Das Geheimnis großer Literatur, Rowohlt Verlag, ISBN: 349800140X, 34,00 Euro

Paul Maar „Wie alles kam“, S.Fischer Verlag, ISBN: 3103970382, 22,00 Euro

Josef H. Reichholf „Der Hund und sein Mensch“, Carl Hanser Verlag, ISBN: 3446267794, 22,00 Euro

Evelyn Waugh „Wiedersehen mit Brideshead“, Diogenes Verlag, ISBN: 325706876X, 29,00 Euro

Frauen I Lyrik. Gedichte in deutscher Sprache, Reclam Verlag, ISBN: 3150113059, 28,00 Euro

Louise Glück „Averno“, Luchterhand Literaturverlag, ISBN: 3630872514, 16,00 Euro



 

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