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Erfurter Herbstlese
Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Aug. 31 2020

Vorgestellt von Kathleen Kröger, Mitarbeiterin im Kultur: Haus Dacheröden

Dominique Engler „Mutti, sind wir Stasi?“

Dominique Engler „Mutti, sind wir Stasi?“
Dominique Engler „Mutti, sind wir Stasi?“

Von Kathleen Kröger*

Dominique Engler wächst in Erfurt und Weimar auf, bis sie mit sechs Jahren erfährt, dass sie mit ihrer Familie nach Afrika gehen wird. Ist ein derartiger Schritt auch heute ein gravierender und außergewöhnlicher Einschnitt im Leben eines kleinen Mädchens, ist es das umso mehr in der Biografie eines gerade eingeschulten Kindes in der DDR. In ihrem autobiographischen Roman „Mutti sind wir Stasi?“ hat die studierte Musikerin nun aufgearbeitet, wie es trotz aller Hürden für einen ausgewählten Kreis der Gesellschaft doch möglich war, die DDR zu verlassen und welchen Preis die Familien dafür zu zahlen hatten.

Für die junge Dominique gibt es 1979 erstmal keine Zeichen, die gegen ein Jahr in Afrika sprechen. Im Gegenteil,sie freut sich auf die Reise und träumt von aufregenden Safaris: „Mit einem Flugzeug werden wir fliegen und ein ganzes Jahr weg sein und alle Menschen dort sind schwarz und sicher haben sie bunte Kleider an, wie ich sie noch nie gesehen habe, und eine andere Sprache sprechen sie da und die kann niemand verstehen, [...] und die Katze soll dann bei Oma Erfurt wohnen, ach, die Oma kann dann ja nicht mit, das ist schade, aber ich werde jeden Tag einen Brief nach Erfurt schreiben und besonders, wenn ich auf einem Elefanten reite, da muss ich unbedingt malen und der Papa muss fotografieren[...]“.

Was die Sechsjährige zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnt, ist, dass ihre Abreise noch zwei Jahre dauern wird und dass das Afrika, was ihr bevorsteht, ein ganz anderes ist, als das in ihrem Kinderbuch. Für sie ist ihr bisheriges Leben in Thüringen „Alles Heimat, alles Freunde, alles DDR“ und die Geschichte „Eva in Afrika“ eine buntere, exotischere und aufregendere Welt. Noch dazu darf sie niemandem von den großen Plänen erzählen und muss das Jahr im Ausland als Geheimnis bewahren. Nach langen, ermüdenden Lehrgängen der Eltern erfährt die Familie schließlich nach und nach die Details ihrer Reise. In Somalia soll der Vater in der wirtschaftlichen Entwicklunghelfen und die Mutter als Lehrerin arbeiten. Dominique muss zur Schule gehen und ihre kleine Schwester in den Kindergarten.

Nach langem, ungeduldigen Warten ist es schließlich soweit und das Abreisedatum steht fest. Nun ist das erst so nah geglaubte Ziel, was zwischenzeitlich in so weite Ferne rückte, auf einmal wieder zum Greifen nah und die Wochen und Tage lassen sich herunterzählen. Nach dem schwermütigen Abschied von den Großeltern und ihrem besten Freund David fliegen sie nach Mogadischu, wo sie ein Jahr lang leben werden. Im Flugzeug hatte sie sich noch Flusspferde vorgestellt, die sie bei ihrer Ankunft vielleicht erspähen könnte, doch sollte sich diese Erwartung nicht bestätigen. Eine zweite wird direkt in ihr Compound – eine von der Außenwelt abgeschottete Siedlung – gebracht, wo sie nicht zwischen Afrikanern lebt, sondern mit anderen Familien aus der DDR, die ebenfalls in der Entwicklung Somalias helfen sollen. So muss das Mädchen realisieren, dass sie gar nicht richtig in Afrika lebt, sondern in einer perfekt organisierten Mini-DDR mit wachsamem Sicherheitspersonal, offensichtlichen Postkontrollen und der schon bekannten aufgebügelten Pionierbluse für den Unterricht.

Wie sie als Kind mit der sehr enttäuschenden Situation umgegangen ist und sich in dieser isolierten Zeit eine eigene kleine Welt schaffte, ohne die kuriosen Umstände der ständigen Überwachung auszublenden, erzählt Dominique Engler auf lebendige und humorvolle Art. Dabei geht die Geschichte weit über die in Büchern und Filmen häufig wiederkehrenden Anekdoten zu Pflicht-Brieffreundschaften mit russischen Partnerschulen, dem misstrauischen und nachhakenden Lehrern in der Schule und zweideutigen Gesprächen über Partei- und Linientreue hinaus, die von der Autorin zwar ebenso aufgenommen, aber im Hintergrund gelassen werden. Auch wenn an einigen Stellen die nachträgliche Reflexion der erwachsenen Frau durchscheint, bleibt der Stil authentisch und beschreibt eine andere, noch unbekanntere DDR.

 

 

Dominique Engler „Mutti sind wir Stasi?“
Buchverlag Andrea Stangl, 292 Seiten, Softcover
ISBN 978 -3-7519-1861-9

12,99 Euro

 

 

 

*Dieser Artikel erschien zuerst in der Thüringer Allgemeine" vom 31. August 2020.

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