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Erfurter Herbstlese
Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Aug. 06 2020

Vorgestellt von Monika Rettig, Programmleiterin der Erfurter Herbstlese

Maya Lasker-Wallfisch, „Briefe nach Breslau“

Maya Lasker-Wallfisch, „Briefe nach Breslau“
Maya Lasker-Wallfisch, „Briefe nach Breslau“

Was formt uns zu dem Menschen, der wir sind? Die Psychotherapeutin Maya Lasker-Wallfisch geht dem von Berufs wegen nach. Um diese Frage aber auch für sich ganz persönlich zu beantworten, bedurfte es einer langen und schmerzhaften Reise durch die eigene Familiengeschichte, die von Verlust, Tod, grauenvollen Erfahrungen in den KZs der Nazis und in der Zeit nach 1945 vor allem von Schweigen geprägt ist. Aber Maya Lasker-Wallfisch hat einen Weg gefunden, das Schweigen zu durchbrechen und damit sich selbst zu retten.

Maya (eigentlich Marianne) Lasker-Wallfisch ist die Tochter von Anita Lasker-Wallfisch, die den Holocaust dank ihrer großen musikalischen Begabung überlebte. Sie gehörte als Cellistin zum Frauenorchester in Auschwitz, das morgens am Lagertor zum Auszug und abends zur Rückkehr der Gefangenen spielen musste. Wie durch ein Wunder entkam nicht nur Anita, sondern auch ihre Schwester Renate dem allgegenwärtigen Tod im Vernichtungslager. Beide überstanden auch die Hölle von Bergen-Belsen und wurden dort im April 1945 von britischen Truppen befreit. Ein knappes Jahr später hatten die Schwestern die ersehnten Papiere für die Einreise nach Großbritannien in den Händen und konnten in dem Land neu beginnen, das Marianne, der dritten und ältesten der Lasker-Schwestern, 1939 zur Zuflucht geworden war, den Eltern der dreien aber trotz verzweifelter Bemühungen verschlossen blieb. Alfons und Edith Lasker wurden 1942 aus ihrer Heimatstadt Breslau, in der sie als vollständig assimilierte Juden und stolze Deutsche glücklich gelebt hatten, deportiert und ermordet.

„Als Anita und Renate im März 1946 England erreichten, hätten sie gerne über das gesprochen, was sie in den Lagern erlebt hatten. Es fragte sie nur niemand danach.“ Das Schweigen über das Trauma des Lagers wird über lange Zeit zum (Über)Lebensprinzip von Anita Lasker-Wallfisch und ihrem Mann und damit notgedrungen auch für ihre Kinder Marianne, genannt Maya, und Raphael.

In Maya scheint sich wie in einem Brennglas das Echo des Traumas der Mutter zu konzentrieren. Sie ist ein unglückliches, unsicheres und von Ängsten geplagtes Kind, das sehr genau spürt, dass ihre Familie alles andere als „normal“ ist, dies aber nicht begreifen kann. Wie auch, wenn das Bild der Großeltern im Wohnzimmer steht, aber niemand danach fragen darf, warum sie nicht mehr da sind. Wenn man sich irgendeine Erklärung ausdenken muss auf die Frage von Freunden, weshalb die eigene Mutter sich die Telefonnummer auf den Arm geschrieben hat. Und wenn dem Kummer eines Kindes, einer Heranwachsenden mit dem Satz begegnet wird: „Wenigstens hast du Eltern und niemand versucht dich umzubringen.“ Wie soll ein Kind verstehen, dass die Mutter nicht anders kann, weil für sie Leid und Kummer sich in einem ganz anderen Referenzahmen abspiel(t)en und Selbstdisziplin, unbedingter Überlebenswille zur zweiten Natur wurden.

Maya hat die Schwierigkeiten der sogenannten „zweiten Generation“ bis auf den Grund durchleiden müssen: Schulverweis, lange Nächte bei Rockmusik und mit falschen Freunden, schließlich der langsame Abstieg in die Welt der immer härteren Drogen und die damit verbundene Kriminalität. Eine Entzugsklinik wird zum ersten Wendepunkt, ein zweiter das unerwartete Weihnachtsgeschenk von Anita Lasker-Wallfisch im Jahr 1988 an ihre beiden Kinder: ein Buch mit dem schlichten Titel „Meine Geschichte“, das endgültig mit dem Schweigen bricht. Für Anita Lasker-Wallfisch selbst, die fortan nicht nur eine bedeutende Musikerin, sondern auch eine gefragte Zeitzeugin ist und im Jahr 2018 am Holocaust-Gedenktag vor dem Deutschen Bundestag spricht. Aber eben auch für ihre Tochter Maya, die mit ihrem beeindruckenden Buch „Briefe nach Breslau“ die Geschichte der Laskers aus Breslau Stück für Stück wieder zusammensetzt: Fiktive Briefe an die ermordeten Großeltern, in denen sie ihnen die Lebensschicksale ihrer drei Töchter Marianne, Renate und Anita nach 1942 erzählt, bilden den einen Erzählstrang, der zweite rekapituliert Mayas eigenes Leben.

Es verwundert nicht, dass die Behandlung transgenerationaler Traumata zum Schwerpunkt der therapeutischen Arbeit von Maya Lasker-Wallfisch wurde. Das ergab sich fast zwingend aus ihrer bisherigen, sehr bewegten Lebensreise. Dass sie mit 60 überlegt, aus London nach Berlin zu ziehen, ist dagegen schon ein wenig überraschend. Am Ende ihres Buches schreibt sie: „In Berlin bin ich der Geschichte meiner Familie näher, die Stadt gibt mir Energie. (…) Vor bald achtzig Jahren ließ die Familie Lasker nichts unversucht, um aus Deutschland herauszukommen. Vergeblich. Und mit katastrophalen Folgen. Jetzt möchte eine neue Generation gerne zurückkehren. Vielleicht gehöre ich einfach nach Berlin.“

 

 

Maya Lasker-Wallfisch „Briefe nach Breslau. Meine Geschichte über drei Generationen“
Insel Verlag, 256 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-458-17847-7
24 Euro

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