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Erfurter Herbstlese
Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Aug. 02 2020

Vorgestellt von Marlene Borchers, Literaturwissenschaftlerin

Kazuo Ishiguro „Alles, was wir geben mussten‘‘

Kazuo Ishiguro „Alles, was wir geben mussten‘‘
Kazuo Ishiguro „Alles, was wir geben mussten‘‘

Hailsham scheint ein typisches, englisches Internat auf dem Land zu sein. Bei genauerer Betrachtung fallen jedoch einige Unstimmigkeiten auf: die Lehrer heißen Aufseher, von Eltern ist niemals die Rede und die Schüler werden stetig ermahnt, auf sich acht zu geben, um ihre ganz besondere Rolle später erfüllen zu können. Von ebendieser Rolle erzählt die Hauptfigur Kathy H. – sie ist die einzige ihres Freundeskreises, die überlebt hat und ihrem Schicksal dennoch nicht entgehen kann.

Ishiguros Roman zeichnet das Bild einer düsteren Welt, in der ethische Grenzen überschritten werden, um Fortschritte zu ermöglichen. Stilistisch bleibt der Autor weitestgehend unauffällig, jedoch gelingt es ihm gerade dadurch, die passende Stimmung für die Geschichte zu finden. Die Geschichte entwickelt sich gemächlich, es gibt keine künstliche Spannung und keinen großen Knall, vielmehr bleibt Ishiguro in seiner Erzählweise konstant ruhig und streut nur hin und wieder subtile Hinweise über die düstere Situation ein, in die die Protagonisten verstrickt sind. Es gibt keinen Aufstand, keine Revolution - und keinen Ausweg.

Ishiguro entwirft mit „Alles, was wir geben mussten“ keine Zukunftsdystopie im Science-Fiction-Stil, die uns einen Einblick in eine mögliche Zukunft gibt, sondern vielmehr wird der Lesende in das Innerste des Menschlichen geführt. So blicken die Protagonisten in ihren eigenen Abgrund, ohne auf die Idee zu kommen, ihr Schicksal ändern zu können. Die idyllische Umgebung des Internats wird so zu etwas unterschwellig Unheimlichen, das vor etwas Schrecklichem liegt. Ebenso liest sich das Buch; kaum hat man begriffen, worum es eigentlich geht, ist es beinahe schon vorüber.

Die Euphemismen, die Ishiguro erfindet, um den Protagonisten die Beschönigung der eigenen Welt zu erlauben, das konsequente Ausbleiben eines plötzlichen Wendepunkts und die Feinheiten, die der Autor nutzt, um die Geschichte zu schreiben, machen das Buch zu einem Werk, dass im Gedächtnis bleibt – obwohl der Roman kaum dramatische Effekte besitzt.

Vorgestellt von Marlene Borchers, Literaturwissenschaftlerin

 



 

Kazuo Ishiguro „Alles, was wir geben mussten‘‘
Heyne, 352 Seiten, Taschenbuch
ISBN 978-3453421547
9,99 Euro

 

 

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