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Erfurter Herbstlese
Es lebe die Erfurter Herbstlese!
April 22 2020

Vorgestellt von Katharina Bucklitsch, Mitarbeiterin im Kultur: Haus Dacheröden

Franz Kafka „Die Verwandlung“

Franz Kafka „Die Verwandlung“
Franz Kafka „Die Verwandlung“

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“ Dieser Beginn von Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ belegte den zweiten Platz im Wettbewerb um den schönsten ersten Satz. Schön und gleichsam ungeheuerlich. Schaurig. Irgendwie auch befremdlich. Sofort ist der Leser mittendrin in einer völlig irrationalen Welt, wird hineingezogen in das Seelenleben eines Menschen, dessen Geschichte schnell gelesen und auch erzählt werden kann.

Eines Tages erwacht Gregor Samsa und bemerkt, wie er sich in einen riesigen Käfer verwandelt hat. Zugleich überkommen ihn Ängste und Zweifel, wie er seine berufliche Tätigkeit in diesem Zustand weiter ausüben und seine Familie ernähren kann. Auch wenn er die anderen versteht, ist er selbst nicht mehr in der Lage, sich verständlich zu machen.

Zunächst noch von den anderen Familienmitgliedern bemitleidet, vereinsamt und verwahrlost er mehr und mehr. Hinzu kommen die groben Übergriffigkeiten und Verletzungen des Vaters. Keiner möchte Gregor mehr als Teil der Lebensgemeinschaft haben. Alle wollen, dass das Ungeziefer endlich verschwindet. Als ihm das bewusst wird, erliegt er seinen Wunden, zieht sich in die Dunkelheit seines Zimmers zurück und stirbt. Ende.

Kafka zu lesen ist die eine Sache. Seine Sprache ist einfach und präzise. Ihn zu deuten, mögliche Rückschlüsse auf seine Biografie herzustellen, eine andere. Geht es hier ausschließlich um die Psyche eines Menschen, der sich durch unerklärliche Weise in einen Käfer verwandelt hat, oder geht es hier eigentlich oder auch um Kafka selbst? Es bleibt dem Leser überlassen, Antworten auf diese Fragen zu finden. Der Autor selbst gibt sie nicht. Schließlich wollte er kaum, dass seine Texte irgendwer liest.

Und genau das macht Franz Kafka und seine Bücher so spannend. Man ist gezwungen, Antworten zu finden, muss geneigt sein, Rätsel zu lösen. Das bedeutet, die Tiefgründigkeit der Texte Kafkas liegt in jedem Leser selbst. Erkennt man sie, so ist „Die Verwandlung“ mehr als eine kleine, düstere Erzählung von nicht einmal hundert Seiten, sie offenbart eine unergründliche und teilweise durchaus paradoxe und vielschichtige Welt. Diese kafkaeske Welt ist sicherlich zu einem großen Teil von Ängsten und Unsicherheiten geprägt, versteckt findet sich jedoch auch die Sehnsucht nach Geborgenheit. Aber das wäre schon fast zu viel der Interpretation.

So bleibt nach dem Lesen der „Verwandlung“ ein Gefühl wie nach dem Aufwachen. Man erinnert sich noch an den Traum, kann ihn einfach nacherzählen. Nur, was möchte er einem sagen? Das lässt Deutungen in alle nur erdenklichen Richtungen zu, wenn man sich dafür öffnen mag. Für den einen geht es um einen aussichtslosen Kampf gegen anonyme Mächte oder die Suche nach Recht und Sinn im Leben, für den anderen um den Menschen in Selbstentfremdung vor einem unwirklichen Hintergrund. Nicht zuletzt versteht es Kafka, unterschwellig Humor in die Ausweglosigkeit und Abgründe des Lebens zu bringen – und vielleicht doch nicht alles so ernst zu nehmen.

„Die Verwandlung“ ist ein guter Einstieg, sich auf die Gleichnis- und Bilderwelt und das Verschwimmen zwischen Fiktion und Realität in den Erzählungen Kafkas einzulassen.

Vorgestellt von Katharina Bucklitsch, Assistenz der Geschäftsführung des Kultur: Haus Dacheröden





Franz Kafka „Die Verwandlung”
mit Zeichnungen von Tatjana Hauptmann
Diogenes, 104 Seiten, Hardcover
ISBN-13: 978-3257020984
19,90 Euro

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