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Es lebe die Erfurter Herbstlese!
April 23 2020

Vorgestellt von Katja Kemnitz, Mitarbeiterin der Erfurter Herbstlese

Margaret Atwood „Die Zeuginnen“

Margaret Atwood „Die Zeuginnen“
Margaret Atwood „Die Zeuginnen“

Ist es wirklich eine gute Idee, Dystopien zu lesen in dieser merkwürdigen Zeit? Ja, unbedingt, wenn es Margaret Atwoods Gilead-Romane sind, beide hochgelobt und preisgekrönt. Das allein spricht noch nicht für ein außerordentliches Leseerlebnis. Aber schon „Der Report der Magd“ von 1985 hat mich gepackt -  lange bevor an die aktuelle Ausnahmesituation überhaupt zu denken war.

Haarsträubend bigott und unvorstellbar sind die Umstände, in denen sich Desfred, eigentlich June, in ihrem neuen Dasein als „Magd“ wiederfindet. Reduziert auf die Aufgabe, sich schwängern zu lassen, hat es nichts mehr mit ihrem alten Leben als emanzipierte junge Frau und Mutter zu tun. So wie sie müssen sich alle Frauen im Staate Gilead in neue Rollen fügen – als Dienstmädchen, Gebärmaschine, Kommandantengattin oder schlimmstenfalls als Gefangene in mit Atommüll verseuchten Kolonien, weil sie zu rebellisch sind und sich mit dem Regime nicht abfinden können. Und dann gibt es noch die „Tanten“ – zuständig für die Ausbildung und Zucht der Mägde. Die schlimmste von allen, Tante Lydia, kann man nur verachten. Oder?

Wie Margaret Atwood es schafft, in der 2019 erschienenen Fortsetzung „Die Zeuginnen“ selbst dieser Figur eine menschliche Facette mit überraschender Tragik zu geben, die alle Schwarz-Weiß-Urteile unmöglich macht, ist umwerfend.

Die kanadische Autorin lässt hier einige Jahre nach dem „Report“ drei Frauen (eine von ihnen eben Tante Lydia) ihre Geschichten erzählen, Zeugnis ablegen und einen waghalsigen Plan verfolgen. Um wirklich alles zu verstehen, muss man das erste Buch kennen. Oder die TV-Serie gesehen haben, die für mich eine der besten in letzter Zeit ist.

Mitte März kaufte ich Staffel 3 und wollte nach einem unglaublichen Cliffhanger sofort weiterschauen. Die DVDs stehen bis heute eingeschweißt bei mir im Regal, denn dann kam Corona. Jetzt ist auch hier nichts mehr selbstverständlich, Alltag, Kultur und demokratische Strukturen nicht mehr planbar, sondern fragil und könnten von radikalen, populistischen Kräften ausgenutzt werden. So weit weg ist Atwoods Gilead, für welches sie sich Ende der 80er Jahre nur von realen Unrechtsregimen inspirieren ließ, plötzlich nicht mehr. Das macht mir Angst.

Aber ich werde weiterschauen, klar. Eben weil es nie so weit kommen darf und wir es in der Hand haben. Und weil „The Handmaid´s Tale“ einfach unfassbar spannend ist.

Vorgestellt von Katja Kemnitz, Assistenz der Geschäftsführung der Erfurter Herbstlese

 

Margaret Atwood
„Der Report der Magd“
Piper Verlag, 411 Seiten, Taschenbuch
ISBN: 3492311164, 12,00 Euro

„Die Zeuginnen“
Piper Verlag, 576 Seiten, Hardcover
ISBN: 3827014042, 25,00 Euro

 

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