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Erfurter Herbstlese
Es lebe die Erfurter Herbstlese!
Mai 23 2020

Vorgestellt von Monika Rettig, Programmchefin der Erfurter Herbstlese

Michael Kumpfmüller „Ach, Virginia“

Michael Kumpfmüller „Ach, Virginia“
Michael Kumpfmüller „Ach, Virginia“

Virginia Woolf, eine der Großen der literarischen Moderne und Ikone der Frauenbewegung, nahm sich am 28. März 1941 das Leben. Wie sahen die letzten Tage der Schriftstellerin aus, als sie, fast sechzigjährig, zusammen mit ihrem Mann Leonard in Monk’s House in East Sussex lebte, deutsche Flugzeuge mit tödlicher Fracht über ihr Haus hinwegflogen und sie die Invasion fürchtete, in ihrem Inneren aber einen ganz anderen, verzweifelten Kampf gegen die psychische Zerrüttung führte? Michael Kumpfmüller beschreibt diese letzten zehn Tage im Leben von Virginia Woolf in romanhafter, also fiktiver Manier, aber unterfüttert mit zahlreichen biografischen Fakten und Werkbezügen.

Kumpfmüllers Einstieg ist traumwandlerisch sicher: Auf wenigen Seiten skizziert er mit leichter Hand und schwungvoll den Aufstieg Virginia Woolfs als Kritikerin, Essayistin und Romanautorin, das rege gesellschaftlich Leben im Bloomsbury Kreis, die Gründung des Verlages The Hogarth Press gemeinsam mit Leonard, die Beziehung zu Vita Sackville-West. „Das Leben ist bunt und schnell, und es dürfte nicht wenige geben, die sie darum beneiden.“ Doch in dieser mal ernsten, mal frivolen, brillanten, witzigen, durchaus auch zu Boshaftigkeit und Intrige begabten Frau herrschen noch ganz andere, dunkle Abgründe. Von Kindheit an hat sie immer wieder mit psychischen Zusammenbrüchen und Depressionen zu kämpfen, aber in dieser zweiten Märzhälfte 1941 eskaliert die Krankheit zu einer letzten großen Krise.

Virginia leidet in Schüben unter Schlaflosigkeit, Zitterattacken und Konzentrationsmangel, sie hört Stimmen und kann nicht mehr schreiben, nicht mehr lesen. Für sie, die eigentlich immer geschrieben hat, eine besondere Qual: „Vielleicht hat sie ja einfach nichts mehr zu sagen. (…) Der unterirdische See ist ausgetrunken, die Quellen sind erschöpft, man hat getan, was in seiner Macht stand, man hat sich bemüht, aber nun ist es vorbei, und wahrscheinlich ist genau das ihre Lage.“ Aber, so paradox es klingen mag, die Dämonen in ihr schärfen auch ihre Sinne, und es gelingt ihr immer wieder, Verzweiflung und Verwirrung zu trotzen und das eigenen Leiden hellsichtig und präzise, in den besten Momenten auch mit Anflügen von Humor, zu reflektieren.

Michael Kumpfmüllers Buch ist das sensible und packende Porträt einer außergewöhnlichen Frau und Schriftstellerin, das viele Einblicke in Leben und Werk Virginia Woolfs gibt. Ja, es ist eine fiktionale Virginia, die er zeichnet, ihre letzten zehn Tage können auch ganz anders gewesen sein. Aber darauf kommt es nicht an. Denn Kumpfmüllers Verbindung von Fantasie und Fakten ist in sich stimmig, seine Sprache schmiegt sich über weite Strecken dem langsamen Abschied Virginias von der Welt an.

Bleibt noch zu sagen, dass es in diesem Buch eine zweite Hauptperson gibt: Leonard, Virginias Mann, „Gefährte und Aufpasser“ zugleich, dem sie im ersten Teil von „Ach, Virginia“ oftmals mit Zorn oder Desinteresse, im zweiten aber zunehmend mit freundlichen, gar zärtlichen Empfindungen begegnet. Virginias letzter Brief an Leonard nimmt ihr Ende, als sie sich den Mantel mit Steinen beschwert und in den Fluss geht, vorweg. Er schließt mit dem Satz: „Ich glaube nicht, dass zwei Menschen glücklicher hätten sein können, als wir es waren.“

Monika Rettig verantwortet das literarische Programm von Herbst- und Frühlingslese sowie im Kultur: Haus Dacheröden.

 

 

 

Michael Kumpfmüller „Ach, Virginia“
Kiepenheuer & Witsch, 240 Seiten, Hardcover
ISBN 978-3462049213
22,00 Euro

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